Für Schebuoth waren sie beide bei der Baronin geladen. Die Thore und Treppen des schönen Palais waren reich mit grünen Zweigen und Blumenguirlanden geschmückt und Nachmittags, wo man an diesem Tage seine Freunde zu besuchen pflegt, war in dem herrlichen Garten unter einem Zelt eine auserwählte Gesellschaft versammelt.
Die reichen und vielseitigen Gaben des jüdischen Geistes zeigten sich hier wie in einem Brennpunkt vereinigt, Gäste aus allen Ländern Europas waren gekommen, um dem hochsinnigen Paare, das hier waltete, zu huldigen. Man sah neben dem weisen und gelehrten Pariser Rabbiner, den berühmten deutschen Philologen und den ausgezeichneten Geologen aus Oesterreich, die neue Rachel bildete den Mittelpunkt einer glänzenden Gruppe, in der man vor allem den ungarischen Geigerkönig und den holländischen Meister der Palette bemerkte.
Der glänzende Wiener Operncomponist promenirte an der Seite des genialen russischen Pianisten und ein Kreis von jüdischen Schriftstellern, deren Werke alle gebildeten Idiome Europas repräsentirten, umgab die Baronin, welche wie immer durch ihr gesundes, treffendes Urtheil anzog und anregte.
Nach dem Gouter verkündete der Baron seinen Freunden die Verlobung der Malerin Decamps mit dem Professor Stein. Alle umringten das junge Paar und brachten demselben ihre Glückwünsche dar.
Der gelehrte Rabbiner stand seitwärts und blickte lächelnd und zufrieden in das fröhliche Getriebe.
»Was denken Sie in diesem Augenblick?« fragte der Baron.
»Ich denke«, antwortete der Rabbiner, »dass wir doch ein auserwähltes Volk sind, trotz dem Geschrei unserer Feinde. Wir sind es, weil wir den Geist und das Talent ehren, wie kein zweites, und weil wir zu einer Zeit, wo die alte Aristokratie ihre Wappenschilder zerbröckeln sieht, eine neue erzeugt haben, welche den Adel des Geistes mit jenem der Geburt zu vereinen versteht. Ich denke auch an die Worte des Koheleth: Denn welchem Menschen Gott Reichthum und Güter gegeben und ihm die Macht verliehen hat, davon zu geniessen und sein Theil hinzunehmen und froh zu werden seiner Mühe, siehe, das ist eine Gabe Gottes.«