Auf dem grossen Platze, wo das alte gothische Rathhaus stand, befand sich auch das Haus der Familie Ohrenstein und deren Magazin für Damentoilette. Man fand in demselben alles, vom Hut bis zum Schuh herab, und ausserdem zwei bildhübsche Mädchen, die Töchter Ohrenstein's, welche den Käufer anzogen. Die Frauen kauften lieber, wenn sie die Sachen erst auf dem Kopfe oder an dem Körper der schlanken schwarzen Slobe oder der üppigen blonden Bele gesehen hatten, und die Männer traten ein, um die beiden Schönen zu bewundern.

Die jüngere, Slobe, liebte die Lektüre und kam manchmal selbst in die Buchhandlung und Leihbibliothek des Louis Jadassohn, um neue Bücher zu wählen. Jadassohn war ein junger, hübscher, eleganter Mann, gebildet, nicht ohne Geist und Slobe sprach immer drei Sprachen zugleich, eine verständige, nüchterne mit den rothen Lippen, eine schalkhafte, mit ihren dunklen Augen und eine gleichfalls stumme aber kokette Zeichensprache mit ihren reizenden, kleinen Händen, die unermüdlich in den abgegriffenen Bänden blätterten, welche ihr der junge Buchhändler vorlegte. Immer häufiger wurden die Besuche Slobe's im Buchladen und sie selbst immer wählerischer in Bezug auf ihre Lektüre, während Jadassohn sie immer zärtlicher anblickte.

Eines Abends flüsterte er ihr zu: »Die erlebten Romane sind doch schöner als die gedruckten.«

»Oh gewiss!« erwiderte die schlaue Slobe, »aber ich mag nur Jene, wo die Liebenden zuletzt heirathen.«

Am nächsten Tage kam Jadassohn im Frack und weisser Kravatte zu Ohrenstein und bat um Slobe's Hand. Ohrenstein rief seine Tochter. »Willst Du ihn?« fragte er lächelnd.

Slobe nickte.

»Gut, abgemacht«, sagte Ohrenstein und gab Jadassohn die Hand, »aber geheirathet wird nicht, ehe nicht Bele unter der Haube ist.«

Das war nun eine schwere Bedingung, aber alle Bitten der Liebenden waren nicht im Stande, Ohrenstein zu rühren, er blieb fest.

Slobe's ältere Schwester Bele, war früher viel umworben worden, aber ihr böser Engel hatte eines Tages einen jungen Maler in das kleine Städtchen am Fusse der Argonnen geführt, und dieser hatte sie als Esther, auf üppigen Kissen ausgestreckt, gemalt. Seither war das schöne Mädchen von masslosem Stolz erfüllt und zeigte sich so spröde und wählerisch, dass endlich kein Mann mehr den Muth hatte, um sie zu werben, und sie das fünfundzwanzigste Jahr erreicht hatte, ohne den goldenen Reif am Finger.

Slobe kam noch denselben Abend in die Buchhandlung und die Liebenden beriethen.