Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.

„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr. Sie sind offenbar nervös.“

„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange an zu verstehen —“

„Was, meine Gnädige?“

„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was Liebe ist.“

„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen wahrhaftig keine Ursache gegeben.“

„Nun, Sie —“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“

„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser Marmorblässe — Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit Fehpelz besetzt.“

„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie waren.“

„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ mich zwei Jahrtausende vergessen.“