Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber. Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige Farbe des Himmels hatte.

Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem sie nicht ein einziges Mal erwacht war.

Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein überirdisches Wesen.

Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum mit den Augen die Gestalt

dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin Angelika.

„Sie ist es, sie ist es!“ stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen hervor. „Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!“

Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen.

Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte hinüberflattern ließ.

Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.

Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und dieselbe Person halten mußte.