Plötzlich erhob sich ein abscheuliches, unmenschliches Gekreisch, das mich zuerst wahnsinnig erschreckte, doch bald erinnerte ich mich wieder an die Stimme des „Kapitän Flint“ und glaubte sogar den Papagei in seinem leuchtenden Gefieder wahrzunehmen, wie er auf dem Handgelenk seines Herrn geduckt dasaß.
Bald darauf fuhr die Jolle gegen das Ufer; der Mann in der roten Mütze aber und sein Gefährte gingen hinunter in die Kabine.
Um diese Zeit war die Sonne hinter dem „Fernrohr“ untergegangen und da der Nebel sich rasch zusammenzog fing es an ernstlich dunkel zu werden und ich sah, daß ich keine Zeit verlieren dürfe, wenn ich das Boot noch an diesem Abend finden wollte.
Der weiße Felsen, der sich deutlich über dem Nebel abzeichnete, war immer noch ein ziemliches Stück entfernt und es dauerte eine gute Weile bis ich durch das Gestrüpp, oft auf allen Vieren kriechend, mich hinarbeitete. Die Nacht war fast niedergesunken, als ich endlich ankam. Genau unter dem Felsen war eine ganz schmale, mit Rasen ausgelegte Vertiefung, die durch die Böschung und dichtes Unterholz, das dort sehr üppig wuchs, verborgen war. In der Mitte der kleinen Schlucht stand wirklich ein Zelt aus Ziegenhäuten, wie es die Zigeuner in England mit sich herumführen.
Ich sprang in die kleine Schlucht hinunter, hob den Zeltvorhang und da stand Ben Gunns Boot — unzweifelhaft sozusagen „zu Hause gemacht“: ein rohes, schiefwandiges Fahrzeug aus unbehauenem Holz, dessen Innenseite mit Tierfellen, mit der Haarseite nach innen, belegt war. Das Ding war außerordentlich klein, sogar für mich, und ich vermochte mir kaum vorstellen, wie es einen erwachsenen Mann über Wasser halten konnte. Es hatte einen kleinen, ganz niedrigen Strecksitz im Bug und zum Antrieb ein kurzes Doppelruder. Ich hatte vorher nie ein Fischerboot gesehen wie es die alten Briten benützten, doch habe ich inzwischen welche kennen gelernt und kann keine bessere Vorstellung von Ben Gunns Boot geben, als indem ich es mit dem ältesten und primitivsten Fischerboot vergleiche, das jemals Menschenhände angefertigt haben. Doch besaß es zweifellos einen großen Vorteil vor jenen Booten aus der Vorzeit: es war überaus leicht und tragbar.
Da ich das Boot nun gefunden hatte hätte man denken sollen, daß ich mir vorläufig genug an Durchgängerei geleistet hatte. Doch inzwischen hatte ich einen Plan gefaßt und mich so heftig in ihn verliebt, daß ich ihn, glaube ich, sogar vor Kapitän Smolletts Augen durchgeführt hätte. Er bestand darin unter dem Schutze der Nacht die Hispaniola abzuschneiden und den Wellen und Winden preiszugeben, so daß sie irgendwo an Land treiben mußte. Ich war sicher, daß den Meuterern nach ihrem Mißerfolg am Morgen nichts mehr am Herzen lag als die Anker zu lichten und fortzusegeln und dachte, daß es eine schöne Sache wäre, das zu verhindern. Da ich nun sah wie sie ihre Wachen ohne Boot zurückließen, glaubte ich, daß man dies mit geringer Gefahr durchführen könnte.
Ich setzte mich nieder, um auf die Dunkelheit zu warten und ließ mir inzwischen eine tüchtige Zwiebackmahlzeit gutschmecken. Es war eine Nacht wie sie unter zehntausend für meine Zwecke nicht geeigneter sein konnte. Der Nebel bedeckte nun den ganzen Himmel. Als die letzten Strahlen des Tageslichtes dahinschwanden legte sich vollkommene Finsternis über die Schatzinsel. Und als ich schließlich das Fischerboot schulterte und damit aus der kleinen Schlucht, wo ich mein Abendbrot gegessen hatte, hinausstolperte, waren nur noch zwei Punkte auf dem ganzen Ankerplatz sichtbar.
Der eine war ein großes Feuer am Ufer, um das die besiegten Seeräuber zechend auf der morastigen Wiese herumlagen, der zweite ein bloßer Lichtschimmer in der Finsternis, der die Lage des Schiffes anzeigte. Es hatte sich während der Ebbe gedreht — so daß der Bug jetzt mir zugewendet war — und die einzigen Lichter an Bord waren die in der Kabine.
Die Ebbe dauerte schon einige Zeit und ich mußte eine lange Strecke durch den sumpfigen Sand waten, in den ich wiederholt bis über die Knöchel einsank, ehe ich an das zurückflutende Meer kam und endlich mit einigem Aufwand von Kraft und Geschicklichkeit mein Fischerboot mit dem Kiel nach abwärts auf die Wasserfläche setzen konnte.