Die riß ich mit einem raschen Ruck fort und gelangte über die Steuerbordwanten wieder auf Deck. Um nichts in der Welt hätte ich mich auf die überhängenden Backbordwanten gewagt, von denen Israel heruntergestürzt war.

Ich ging hinunter und versorgte meine Wunde so gut wie möglich. Sie schmerzte mich tüchtig und blutete noch immer heftig, doch war sie weder tief noch gefährlich und hinderte mich auch nicht sonderlich an der Benützung meines Armes. Dann schaute ich um mich, und da das Schiff nun gewissermaßen mein Eigen geworden war, wollte ich es noch von seinem letzten Passagier — dem toten O’Brien — befreien.

Er war, wie gesagt, gegen die Reeling gestürzt, wo er jetzt wie eine Art grauenhafter, plumper Marionette dalag, in Lebensgröße freilich, doch wie verschieden von der Farbe und Anmut des Lebens! In dieser Lage konnte ich ihn leicht handhaben und da meine tragischen Abenteuer in mir schon jede Furcht vor dem Toten verwischt hatten, so nahm ich ihn wie einen Sack Kleie um die Mitte und warf ihn mit einem festen Anlauf über Bord. Mit einem lauten Platschen fiel er ins Wasser, die rote Mütze wurde fortgeschleudert und schwamm an der Oberfläche weiter. Als die Wellen wieder ruhiger gingen konnte ich ihn und Israel Hands Seite an Seite liegen sehen, beide schaukelnd in der zittrigen Bewegung des Wassers. O’Brien war trotz seiner Jugend ganz kahlköpfig. Da lag er nun mit dem kahlen Kopf quer über den Knien seines Mörders und die schnellen Fische segelten über beide hinweg, hin und her.

Ich war nun allein auf dem Schiff und die Flut hatte sich eben gewendet. Die Sonne war schon so nahe am Untergehen, daß der Schatten der Nadelbäume auf dem westlichen Ufer bereits quer über den Ankerplatz fiel und Muster auf das Deck zeichnete. Der Abendwind hatte eingesetzt und trotzdem er durch den Berg im Osten mit den zwei Spitzen abgehalten war, so war doch ein leises Summen im Tauwerk zu vernehmen und die schlaffen Segel rasselten hin und her.

Ich begann für das Schiff zu fürchten. Rasch ließ ich die Stagsegel aufs Deck fallen, doch mit dem Hauptsegel war schwerer zu hantieren. Natürlich hatte sich, als der Schooner überkippte, der Mastbaum nach außen geschwungen und seine Kappe und ein oder zwei Fuß vom Segel hingen sogar unter Wasser. Dies, dachte ich, mußte die Gefahr noch vergrößern, doch war die Spannung so stark, daß ich fast fürchtete etwas zu unternehmen. Schließlich nahm ich mein Messer heraus und durchschnitt die Felle. Die Spitze neigte sich sofort und eine große Fläche losen Segeltuches schwamm breit auf dem Wasser. Und nun konnte ich ziehen wie ich wollte, es war nicht zu bewegen, und ich konnte jetzt nichts mehr machen. Von nun ab mußte ich die Hispaniola wie mich selbst dem Schicksal überlassen.

Inzwischen war der ganze Ankerplatz in den Schatten gerückt — ich erinnere mich noch wie die letzten Strahlen durch eine Waldlichtung fielen und leuchtend wie Edelsteine auf dem blühenden Mantel des Wracks leuchteten. Es begann kühl zu werden, die Flut strömte rasch seewärts und der Schooner setzte sich mehr und mehr an seinen Balkenköpfen fest.

Ich kletterte nach vorne und schaute hinüber. Das Wasser sah ziemlich seicht aus. Als letzte Sicherung das durchschnittene Ankertau mit beiden Händen festhaltend, ließ ich mich langsam über Bord gleiten. Das Wasser reichte mir kaum bis zur Hüfte, der Sand war fest und von den Wellen gefurcht und ich watete in bester Stimmung ans Ufer, die gekenterte Hispaniola, deren Hauptsegel weit über die Oberfläche der Bucht herabhing, zurücklassend. Gerade sank die Sonne hinab und der Abendwind pfiff leise durch die rauschenden Fichten.

Schließlich und endlich war ich nun wieder auf dem Lande und war auch nicht mit leeren Händen zurückgekehrt. Da lag der Schooner, von den Piraten befreit und bereit, unsere eigenen Leute aufzunehmen und wieder in See zu gehen. Nichts war selbstverständlicher, als daß ich wieder in das Blockhaus heimkehren und mich meiner Errungenschaften rühmen wollte. Möglicherweise würde man mich ein bißchen wegen meiner Pflichtversäumnis schelten, doch die Wiedereroberung der Hispaniola war eine schlagende Antwort und ich hoffte, daß selbst Kapitän Smollett zugeben würde, daß ich meine Zeit nicht verloren hatte.

Mit solchen Gedanken und in bester Laune schritt ich dem Blockhaus und meinen Gefährten zu. Ich erinnerte mich, daß der östlichste der Flüsse, welche in Kapitän Kidds Ankerplatz münden, von dem zweispitzigen Berg links herabkam und wandte mich jener Richtung zu, um den Fluß zu übersetzen solange er noch schmal war. Der Wald war ziemlich offen und so hatte ich bald den Berg erreicht und watete durch das Wasser.