Es kostete ihm eine Menge Zeit und er stöhnte schmerzlich wie er da sein verwundetes Bein hinter sich herzog. Ich hatte inzwischen ruhig meine Vorbereitungen beendet, noch ehe er ein Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann richtete ich mit einer Pistole in jeder Hand das Wort an ihn:
„Noch einen Schritt, Herr Hands,“ sagte ich, „und ich werde Euch das Gehirn ausblasen! Tote Leute beißen nicht, wie Ihr wißt!“ fügte ich mit einem Kichern hinzu.
Er hielt sofort ein. Ich konnte auf seinem Gesicht die Gedanken arbeiten sehen und der Vorgang war so langsam und mühevoll, daß ich in meiner neu gefundenen Sicherheit laut auflachte. Endlich begann er, nachdem er einmal oder zweimal geschluckt hatte, zu sprechen und sein Gesicht trug dabei immer noch denselben Ausdruck äußerster Bestürzung. Um sprechen zu können, mußte er das Messer aus dem Munde nehmen, doch im übrigen blieb er unbeweglich.
„Jim,“ sagte er, „ich denke wir sind beide in der Tinte und werden einen Pakt schließen müssen. Ohne diesen Ruck hätte ich Euch schon, aber ich bin ein Pechvogel und ich glaube, ich werde mich ergeben müssen und das ist nicht leicht, seht Ihr, für einen alten Seemann, so einem Schiffsjunker, wie Ihr seid, Jim.“
Lächelnd sog ich seine Worte ein, stolz wie der Hahn am Mist, als blitzschnell seine rechte Hand über die Schulter zurückgriff. Etwas schwirrte wie ein Pfeil durch die Luft, ich fühlte einen Schlag und darauf einen scharfen Schmerz und fand mich mit der Schulter an dem Mast festgenagelt. In dem entsetzlichen Schmerz und in der Überraschung des Moments — ich kann kaum sagen, daß es durch meinen eigenen Willen geschah und sicher ohne eine bewußte Absicht — gingen meine beiden Pistolen los und beide fielen mir aus der Hand. Sie fielen nicht allein; mit einem erstickten Schrei ließ der Bootsführer die Strickleitern los und stürzte mit dem Kopf voran ins Wasser.
Siebenundzwanzigstes Kapitel
„Goldstücke“
Infolge der geneigten Stellung des Schiffes hingen die Masten weit über das Wasser hinaus und von meinem Sitz auf dem Kreuzmast sah ich nichts unter mir als die Oberfläche der Bucht. Hands, der nicht so weit hinaufgekommen war, war dem Schiff entsprechend näher und fiel zwischen mich und die Reeling. Er wurde noch einmal emporgetrieben und versank dann endgültig. Ich konnte ihn, als das Wasser ruhig geworden war, auf dem reinen weißen Sand im Schatten des Schiffes zusammengekauert liegen sehen. Ein paar Fische flitzten über seinen Leib hinüber. Manchmal schien er sich zu bewegen, so als ob er versuchte aufzustehen. Aber er war wirklich tot, erschossen und ertrunken und lag jetzt da, den Fischen zum Fraße, an demselben Platz, wo er beabsichtigt hatte mich niederzumachen.
Kaum hatte ich mich dessen versichert, trat mir die Schauerlichkeit dieser letzten Minuten erst voll ins Bewußtsein und ich fühlte mich krank, schwach und elend. Das Blut rann mir über Rücken und Brust. Das Messer brannte an der Stelle, wo es meine Schulter an den Mast festnagelte wie ein heißes Eisen, und doch waren es nicht diese körperlichen Leiden, die mich quälten, denn diese glaubte ich ohne Murren ertragen zu können, sondern es war die entsetzliche Furcht vom Kreuzmast hinunter in dieses stille, grüne Wasser neben die Leiche des Bootsführers zu fallen.
Ich hielt mich mit beiden Händen fest bis mich die Nägel schmerzten und schloß die Augen als könnte ich so die Gefahr zudecken. Allmählich aber kam ich wieder zu mir, mein Puls ging ruhiger und ich konnte überlegen. Mein erster Gedanke war, das Messer herauszuziehen, doch stak es entweder zu fest oder waren meine Nerven zu schwach, mich überlief ein heftiger Schauer und ich gab es auf. Sonderbarerweise brachte gerade dieser Schauer die Arbeit fertig. Das Messer hätte mich wirklich um ein Haar verfehlt, denn es hatte mich nur an einem Hautfetzen festgehalten, der jetzt durch den Schauer weggerissen wurde. Gewiß lief das Blut um so schneller an mir herunter, doch ich war wieder mein eigener Herr und nur mit meinem Hemd und meinem Rock am Mast festgehalten.