So gab er seine Befehle, die ich atemlos befolgte. Und plötzlich schrie er: „Jetzt fest nach Luv!“ Ich wendete fest das Steuer, die Hispaniola drehte sich rasch herum und lief mit dem Steven das niedrige, bewaldete Ufer an.
Die Aufregung während dieser letzten Manöver hatte mich etwas von der scharfen Beobachtung des Bootsführers abgelenkt. Und auch jetzt noch war ich vom Interesse für unsere Landung so in Anspruch genommen, daß ich die Gefahr, die über meinem Haupte schwebte, ganz vergaß und über die Steuerbordreeling gelehnt dastand und auf das Wasser hinaussah. Er hätte mich kampflos niedermachen können, wenn mich nicht eine plötzliche Unruhe befallen hätte, so daß ich mich umdrehte. Vielleicht hatte ich ein Knarren gehört oder irgendwie seinen Schatten aus einem Winkel meines Auges bemerkt, vielleicht war es ein Instinkt wie der einer Katze — kurz, als ich mich umdrehte, war Hands schon den halben Weg zu mir mit dem Messer in der rechten Hand.
Wir müssen beide laut aufgeschrien haben als unsere Blicke sich trafen. Doch mein Schrei war ein Schreckensschrei, seiner das Wutbrüllen eines losgehenden Stieres. Im selben Augenblick warf er sich nach vorne und ich sprang seitwärts gegen den Bug. Dabei hatte ich den Helmstock losgelassen, der leewärts schnellte und mir so das Leben rettete, denn er schlug Hands so heftig vor die Brust, daß er taumelte. Ehe er sich erholen konnte, war ich aus dem Winkel, in den er mich wie in eine Falle gelockt hatte, draußen, und hatte nun das ganze Deck zu meiner Verfügung. Vor dem Hauptmast hielt ich inne, zog eine Pistole aus der Tasche, zielte ruhig, obwohl er sich inzwischen umgedreht hatte und wieder auf mich zukam und drückte ab. Der Hammer fiel, doch folgte weder Blitz noch Knall, denn das Seewasser hatte die Zündung verdorben. Ich verfluchte meine Nachlässigkeit. Warum hatte ich nicht längst meine einzigen Waffen untersucht und neu geladen? Dann hätte ich nicht, wie jetzt, ein schwaches flüchtiges Schaf, vor diesem Schlächter zittern müssen.
Es war geradezu merkwürdig, wie rasch er sich trotz seiner Verwundung bewegen konnte, während sein graues Haar über sein Gesicht fiel, das vor Haß und Wut hochrot war. Ich hatte keine Zeit meine andere Pistole zu probieren und auch gar keine Lust dazu, denn es war klar, daß es nutzlos sein mußte. Eines war sicher: Ich konnte mich nicht einfach vor ihm zurückziehen, denn er würde mich sonst bald in den Bug jagen, wie er mich vor einem Augenblick fast in den Hintersteven gelockt hatte, und war ich einmal gefangen, so waren acht bis zehn Zoll des blutgetränkten Messers meine letzte Erfahrung in dieser Welt. Ich umfaßte den Hauptmast, der ziemlich dick war mit beiden Handflächen und wartete nun mit gespannten Nerven.
Da er sah, daß ich ihn überlisten wollte, hielt auch er ein, und ein oder zwei Augenblicke vergingen mit Scheinbewegungen seinerseits, die ich entsprechend erwiderte. Dieses Spiel hatte ich oft zu Hause zwischen den Felsen der Schwarzhügelbucht gespielt, doch sicherlich nie mit so wildklopfendem Herzen wie diesmal. Immerhin, es war, wie ich sagte, ein Knabenspiel, und ich glaubte wohl mich darin gegen einen ältlichen Seemann mit verwundetem Schenkel behaupten zu können. Ja, mein Mut begann so zu wachsen, daß ich mir einige rasche Gedankensprünge erlaubte und mir das Ende dieses Spieles vorzustellen versuchte. Und während ich als sicher annahm, daß ich es ziemlich lange ausspinnen könnte, sah ich doch keine Hoffnung für ein endgültiges Entkommen.
Aber während die Dinge so standen, lief das Schiff plötzlich mit einem Ruck auf, schwankte, grub sich einen Augenblick in den Sand und kippte dann mit einem Schlag über, bis das Deck in einem Winkel von fünfundvierzig Grad stand und eine tüchtige Menge Wasser durch die Speigatlöcher hereinfloß und einen förmlichen Teich zwischen Deck und Reeling bildete. Wir beide wurden in einer Sekunde umgeworfen und rollten fast gleichzeitig in das Speigat. Die tote Rotmütze taumelte uns mit immer noch steif ausgestreckten Armen nach und so nahe waren wir einander, daß mein Kopf gegen den Fuß des Bootsführers anstieß, daß mir die Zähne krachten. Trotz der Erschütterung war ich als erster wieder auf den Beinen, denn Hands war mit dem Leichnam aneinander geraten. Die plötzliche Neigung des Schiffes machte es unmöglich auf Deck herumzulaufen und ich mußte einen anderen Weg zur Flucht suchen, und zwar sofort, denn mein Feind berührte mich schon fast. Schnell wie ein Gedanke sprang ich in die Besanwanten, kletterte rasch hinauf und tat keinen Atemzug, bis ich oben auf dem Kreuzmast saß.
Meine Schnelligkeit hatte mich gerettet, denn das Messer stak etwa einen halben Fuß unter mir und Israel Hands stand da mit offenem Munde und aufwärtsgewendetem Gesicht wie eine Statue der Überraschung und Enttäuschung.
Jetzt, da ich einen Augenblick für mich hatte, verlor ich keine Zeit, wechselte die Zündung meiner Pistole und als die eine in Ordnung war, ging ich daran, die zweite zu laden, um doppelt sicher zu gehen.
Meine neue Beschäftigung war ein schwerer Schlag für Hands; er fing an einzusehen, daß das Spiel sich gegen ihn wendete. Nach sichtlichem Zögern schleppte auch er sich zu den Wanten und fing an mit dem Messer zwischen den Zähnen langsam und unter Schmerzen hinaufzukriechen.