„Warum?“ rief ich, „Ihr habt mich doch gerade wegen der Toten gefragt. Nun, Ihr habt Euren Eid gebrochen; Ihr habt in Sünde, Lüge und Blut gelebt. Ein Mensch, den Ihr getötet habt, liegt in diesem Augenblick zu Euren Füßen; Gott schütze Euch. Und Ihr fragt, warum?“
Ich sprach ein wenig hitzig, denn ich dachte an den blutigen Dolch, den er in seiner Tasche versteckt hatte und der in seinen bösen Gedanken bestimmt war mir den Garaus zu machen.
Er hingegen nahm einen großen Schluck Wein und sagte mit ganz ungewöhnlicher Feierlichkeit:
„Seit dreißig Jahren segle ich jetzt auf dem Meere und habe gutes und schlechtes, besseres und schlechteres, schönes und dreckiges Wetter erlebt, habe mitgemacht, daß die Vorräte ausgingen, Messerstechen und noch mancherlei. Aber ich will Euch was sagen: ich hab’ noch niemals gesehen, daß aus Güte was Gutes entsteht. Wer zuerst schlägt, der ist mein Mann. Tote Leute beißen nicht — das ist meine Ansicht. Amen, so sei es. Und nun schaut her,“ fuhr er in plötzlich verändertem Tone fort, „genug von dem Unsinn. Die Flut steht gerade richtig. Nun nehmt gefälligst meine Befehle an, Kapitän Hawkins, dann werden wir im Nu drin sein und die Sache ist erledigt.“
Alles in allem hatten wir kaum mehr zwei Meilen zu segeln, doch war die Einfahrt in diesen nördlichen Ankerplatz nicht nur schmal und seicht, sondern drehte sich östlich und westlich und war darum schwierig zu bewerkstelligen, so daß der Schooner sehr vorsichtig hineingelotst werden mußte. Ich glaube, daß ich ein guter, flinker Untergebener war und ganz sicher war Hands ein vorzüglicher Pilot, denn er lenkte hierher und dorthin und manövrierte vorsichtig und vermied die Klippen mit einer Sicherheit und Sorgfalt, daß es eine Freude war.
Kaum hatten wir das Vorgebirge passiert, so waren wir von Land umschlossen. Die Ufer der Nordbucht waren so dicht bewaldet wie die des südlichen Ankerplatzes, doch war die Zunge länger und schmäler und es sah hier aus wie die Mündung eines Flußlaufes, was es ja tatsächlich war. Gerade vor uns am südlichen Ende lag ein fast ganz zertrümmertes Schiffswrack im letzten Stadium der Auflösung.
Es war ein großer Dreimaster, doch schien er schon sehr den Unbilden des Wetters ausgesetzt, da er ganz mit großen Büscheln Seetang bewachsen war. Auf Deck hatten ein paar Schößlinge der Ufergebüsche Wurzel gefaßt und standen jetzt in Blüte. Ein trauriger Anblick, doch gab er uns volle Gewißheit darüber, daß dieser Ankerplatz windstill war.
„Schaut her,“ sagte Hands, „das ist ein nettes Fleckchen zum Landen. Schöner flacher Sand, keine Katze zu sehen, ringsherum Bäume und Blumen wie in einem Garten auf dem alten Schiff da.“
„Und wenn wir erst gelandet sind,“ fragte ich, „wie sollen wir die Hispaniola wieder wegkriegen?“
„Sehr einfach,“ antwortete er, „wenn die Ebbe kommt nehmt Ihr ein Seil hinüber ans Ufer; dort legt Ihr es um eine der großen Fichten, kehrt um, bringt das Seil mit und legt es um den Gangspill, dann wartet Ihr auf die Flut. Wenn das Wasser hoch geht, alles an Bord zieht an dem Seil! Das Schiff schwimmt wie am Schnürchen. Und jetzt, mein Junge aufgepaßt, wir werden es gleich haben! Aber sie geht zu schnell, ein wenig nach Steuerbord — so — Vorsicht — Steuerbord — Backbord — ein wenig nur — vorsichtig — vorsichtig!“