Silver humpelte stöhnend auf seiner Krücke heran. Seine weitgeöffneten Nasenflügel zitterten und er fluchte wütend, wenn sich die Fliegen auf seinem großen, von Hitze glänzenden Gesicht niederließen. Er zog wild an dem Strick, der mich mit ihm verband, und von Zeit zu Zeit schaute er mich böse an. Er gab sich gar keine Mühe, seine Gedanken zu verbergen und ich las es schaudernd von seinem Gesicht. In dieser unmittelbaren Nähe des Goldes war alles übrige vergessen. Sein Versprechen und die Mahnung des Doktors waren vergangene Dinge, und ich konnte nicht daran zweifeln, daß er hoffte, den Schatz zu heben, die Hispaniola im Schutze der Nacht aufzufinden und zu bergen und allen ehrlichen Menschen auf der Insel die Kehle zu durchschneiden, um, so wie er es zuerst beabsichtigt hatte, beladen mit Verbrechen und Reichtümern, fortzusegeln. Bedrückt von diesen Gedanken fiel es mir schwer, mit dem raschen Gang der Schatzsucher Schritt zu halten. Manchmal stolperte ich und dann zog Silver roh am Strick und schoß mörderische Blicke auf mich. Dick, der zurückgeblieben war und jetzt die Nachhut bildete, plapperte, während das Fieber stieg, Gebete und Flüche vor sich hin. Auch das vergrößerte meinen Jammer, und dazu kam noch, daß mich der Gedanke an das Trauerspiel ununterbrochen verfolgte, das sich einst hier auf dieser Hochfläche zugetragen hatte, als jener verruchte Freibeuter mit der blauen Fratze mit eigener Hand seine sechs Mitschuldigen ermordete. Dieses Tal, das jetzt so friedlich dalag, mag damals von Todesschreien erzittert haben, und bei diesem Gedanken glaubte ich jene Schreie noch zu hören.
Wir standen nun am Rande des Dickichts.
„Hallo, Kameraden, allemiteinander!“ rief Merry, und die ersten fingen zu laufen an.
Doch plötzlich, wenige Schritte weiter, standen sie still. Ein schwacher Schrei. Silver verdoppelte seine Geschwindigkeit, er stampfte mit seiner Krücke wie ein Besessener, und im nächsten Augenblick mußten auch wir beide haltmachen.
Vor uns lag ein großer Graben, der schon vor längerer Zeit ausgegraben worden sein mußte, denn der Boden war mit Gras bewachsen. Darin stak der Griff einer zerbrochenen Spitzhaue und ringsherum lagen die Bretter mehrerer Packkisten verstreut; auf einer war mit einem heißen Eisen das Wort „Walroß“ — der Name von Flints Schiff — eingebrannt.
Alles war sonnenklar. Jemand hatte das Versteck gefunden und ausgeräumt: Die siebenhunderttausend Pfund waren fort!
Dreiunddreißigstes Kapitel
Der Fall eines Häuptlings
Noch nie hatte sich ein so ungeheurer Umschwung ereignet.
Jeder der sechs Leute war wie erschlagen. Doch an Silver ging der Schlag fast augenblicklich vorüber. Jeder Gedanke in ihm war wie bei einem Rennpferd in voller Jagd geradeaus auf dieses Geld gerichtet gewesen. In einer einzigen Sekunde war er aufgehalten worden; er behielt den Kopf hoch, fand seine gute Laune wieder und wechselte seinen Plan, noch ehe die anderen Zeit hatten, ihre Enttäuschung voll zu erfassen.