„Ich bin Ben Gunn, ich bin’s“, erwiderte der Ausgesetzte und wand sich dabei vor Verlegenheit wie ein Aal. „Aber,“ fügte er nach einer langen Pause hinzu, „wie geht’s, Herr Silver? Recht gut, sagt Ihr, das freut mich.“
„Ben, Ben,“ murmelte Silver, „wenn ich denke, was Ihr mir angetan habt!“
Der Doktor sandte Gray zurück, um eine der von den Meuterern bei ihrer Flucht im Stich gelassenen Spitzhauen zu holen, und erzählte, während wir gemächlich zum Landungsplatz der Boote hinabstiegen, in kurzen Worten, was vorgegangen war. Es war eine Geschichte, welche Silver außerordentlich interessierte und deren Held von Anfang bis zu Ende Ben Gunn, der ausgesetzte Halbidiot war.
Ben hatte auf seinen langen einsamen Wanderungen durch die Insel das Skelett gefunden, er war es, der es ausgeraubt hatte! Er hatte den Schatz gefunden, ihn ausgegraben (es war der Stiel seiner Kreuzhacke, der zerbrochen im Graben lag) und ihn in vielen mühseligen Tagwerken vom Fuß der hohen Fichte bis zu einem Versteck geschafft, das er an dem zweispitzigen Hügel am Nordostende der Insel angelegt hatte. Dort lag er, sicher aufbewahrt, schon zwei Monate, ehe die Hispaniola landete. Nachdem der Doktor ihm dieses Geheimnis am Nachmittage des Angriffes entwunden hatte und als er am nächsten Morgen den Ankerplatz verlassen daliegen sah, war er zu Silver gegangen, hatte ihm die Karte gegeben, die jetzt nutzlos geworden war, ebenso die Vorräte (denn Ben Gunns Keller war mit selbst eingesalzenem Wildfleisch wohlversehen), kurz, er hatte ihm alles und jedes gegeben, nur um die Möglichkeit zu haben, in Sicherheit vom Blockhaus nach dem zweispitzigen Berg zu ziehen, wo er vor der Malaria geschützt war und das Geld bewachen konnte.
„Was dich anbelangt, Jim, ging’s mir ja sehr zu Herzen, doch ich mußte mein möglichstes für die tun, die zu ihrer Pflicht gestanden hatten. Und wessen Schuld war es, daß du nicht darunter warst?“ — An jenem Morgen, als er sah, daß ich in die schreckliche Enttäuschung, die er für die Meuterer bereit hatte, verwickelt werden mußte, war er den ganzen Weg zur Schatzhöhle zurückgelaufen, ließ den Squire zur Pflege des Kapitäns zurück und machte mit Gray und Ben Gunn den ganzen Weg quer durch die Insel, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Doch bald sah er, daß wir ihm zuvorgekommen waren und Ben Gunn, der ein flinker Läufer war, wurde vorausgeschickt, um alles zu tun, was er allein eben tun konnte. Dem war es eingefallen, auf den Aberglauben seiner alten Schiffsgefährten zu spekulieren, und das gelang ihm so weit, daß er sie hinhielt, bis Gray und der Doktor hinaufgekommen waren und schon versteckt lagen, ehe die Schatzjäger ankamen.
„Na,“ sagte Silver, „ein Glück für mich, daß ich Hawkins bei mir hatte. Ihr hättet den alten John ruhig in Stücke reißen lassen und ihm keine Träne nachgeweint, Herr Doktor.“
„Keine einzige“, erwiderte Doktor Livesay vergnügt. Inzwischen hatten wir die Boote erreicht. Der Doktor schlug mit der Hacke das eine zusammen und wir nahmen alle in dem anderen Platz und ruderten zur Nordbucht.
Das war ein Weg von acht oder neun Meilen. Silver wurde, trotzdem er vor Müdigkeit halb tot war, wie wir anderen an ein Ruder gesetzt, und bald glitten wir rasch über die ruhige See. Bald kamen wir aus der Meerenge heraus und umsegelten das südöstliche Ende der Insel, um welches wir vier Tage vorher die Hispaniola bugsiert hatten.
Als wir den zweispitzigen Hügel passierten, konnten wir die schwarze Mündung von Ben Gunns Höhle sehen und einen Mann davor, der sich an sein Gewehr lehnte. Es war der Squire. Wir schwenkten ein Taschentuch und brachen in Hochrufe aus, in welche Silver ebenso lebhaft einstimmte wie die anderen. Und wem begegneten wir drei Meilen weiter, gerade bei der Mündung der Nordbucht? Niemand anderem als der Hispaniola, die da allein herumkreuzte. Die letzte Flut hatte sie emporgehoben; und wenn ein stärkerer Wind oder eine heftige Flutströmung, wie am südlichen Ankerplatz, eingesetzt hätte, hätten wir sie entweder nie oder nur hoffnungslos gestrandet wieder gefunden. So aber war bis auf das verdorbene Hauptsegel so ziemlich alles in Ordnung. Ein neuer Anker wurde fertiggemacht und eineinhalb Faden tief ins Wasser gelassen. Wir alle ruderten wieder zur Rumbucht hinüber, dem nächsten Landungsplatz für Ben Gunns Schatzhaus. Dann kehrte Gray allein mit dem Boot zur Hispaniola zurück, wo er die Nacht auf Wache verbringen sollte.
Eine leicht abgeschrägte Böschung führte von der Bucht zum Eingang des Schachtes. Oben trafen wir den Squire. Er war herzlich und freundlich zu mir und sprach nichts von meiner Flucht, weder tadelnd noch lobend. Bei Silvers höflichem Gruß rötete sich sein Gesicht.