Silver, muß ich bemerken, hatte seine vollständige Freiheit, und trotz täglicher Abweisungen schien er sich wieder ganz als unser bevorzugter und befreundeter Gefolgsmann zu fühlen. Es war tatsächlich bemerkenswert, mit welch unermüdlicher Höflichkeit er diese fortwährenden Zurückweisungen ertrug und fortfuhr zu versuchen, sich bei allen in Gunst zu setzen. Trotzdem behandelten ihn alle nicht besser als einen Hund, außer Ben Gunn, der noch immer eine entsetzliche Furcht vor seinem früheren Quartiermeister hatte, und mir, der ihm tatsächlich Dank schuldig war. Allerdings hatte gerade ich in dieser Beziehung Anlaß, von ihm noch schlechter zu denken als jeder andere, hatte ich ihn doch auf der Hochfläche neuerlichen Verrat ersinnen gesehen. Der Doktor antwortete ihm daher auch entsprechend mürrisch.
„Betrunken oder nicht mehr ganz bei Sinnen“, sagte er.
„Ganz recht, Herr,“ erwiderte Silver, „und uns kann es wohl ziemlich gleichgültig sein, welches von beiden.“
„Ich denke, Ihr werdet nicht verlangen, daß ich Euch für einen menschlichen Menschen halte,“ erwiderte der Doktor mit einem höhnischen Blick, „und darum mag Euch meine Ansicht überraschen, Herr Silver. Doch wenn ich sicher wäre, daß sie phantasieren — wie ich eigentlich ziemlich sicher bin, da zumindest einer von ihnen schwer fieberkrank ist — so würde ich dieses Lager verlassen und trotz der Gefahr für meinen eigenen Leichnam ihnen ärztliche Hilfe zuteil werden lassen.“
„Bitte um Entschuldigung, Herr, aber das wäre sehr unrecht“, entgegnete Silver. „Ihr würdet Euer kostbares Leben einbüßen, ganz sicher. Ich bin jetzt ganz auf Eurer Seite mit Haut und Haaren, und ich möchte nicht, daß unsere Partei geschwächt wird oder daß Euch was zustößt — wenn ich bedenke, was ich gerade Euch schulde. Doch diese Leute da unten, die könnten ihr Wort nicht halten — nein, nicht einmal wenn sie wollten. Und was noch ärger ist, die würden nicht glauben, daß Ihr es könnt.“
„Nein,“ sagte der Doktor, „aber Ihr seid der Mann vom Worthalten, das wissen wir.“
Nun, das war so ziemlich das letzte, was wir von den Meuterern hörten. Nur einmal vernahmen wir aus weiter Entfernung einen Schuß; offenbar jagten sie. Eine Beratung wurde abgehalten und es wurde beschlossen, daß wir sie auf der Insel lassen sollten — zur ungeheuren Begeisterung Ben Gunns und unter energischer Zustimmung Grays. Wir ließen einen tüchtigen Vorrat von Pulver und Blei, den größten Teil des gepökelten Wildfleisches, einige Arzneien und andere Notwendigkeiten, Werkzeuge, Kleidung, ein Segel, ein bis zwei Faden Tau und, auf besonderen Wunsch des Doktors, einen ansehnlichen Vorrat Tabak zurück.
Das war so ziemlich unsere letzte Arbeit auf der Insel. Vorher hatten wir den Schatz geborgen und genügend Wasser und für den Notfall auch den Rest des Ziegenfleisches eingeschifft. Endlich lichteten wir eines schönen Morgens die Anker und segelten aus der Nordbucht heraus. Dieselbe Fahne wehte auf dem Schiffe, die der Kapitän auf dem Blockhause gehißt hatte.
Die drei Burschen aber hatten uns wohl besser beobachtet, als wir gedacht hatten, wie sich bald herausstellte. Denn als wir aus der Meerenge herauskamen, mußten wir uns sehr nahe an das südliche Kap halten und dort sahen wir sie alle drei mit flehenden, emporgehobenen Armen auf der sandigen Landzunge knien. Ich glaube, es ging uns allen zu Herzen, sie in diesem elenden Zustande zurückzulassen, doch konnten wir eine neuerliche Meuterei nicht riskieren, und sie dem Galgen zuzuführen, wäre doch eine grausame Form der Güte gewesen. Der Doktor rief sie an und sagte ihnen von den Vorräten, die wir zurückgelassen hatten und wo sie sie finden würden. Doch sie fuhren fort uns beim Namen zu rufen und uns um Gottes Willen zu beschwören, barmherzig zu sein und sie nicht an diesem Orte sterben zu lassen.
Schließlich, als sie sahen, daß das Schiff seinen Kurs fortsetzte und rasch außer Hörweite gelangte, sprang einer von ihnen — ich weiß nicht welcher — mit einem heiseren Schrei auf die Füße, legte sein Gewehr an und gab einen Schuß ab, der an Silvers Kopf vorüberpfiff und das Hauptsegel durchbohrte. Danach hielten wir uns in Deckung hinter der Reeling, und als ich wieder herausschaute, waren sie von der Landzunge verschwunden und diese selbst schon kaum mehr sichtbar. Das war das Ende, und noch vor Mittag war zu meiner unaussprechlichen Freude auch vom höchsten Felsen der Schatzinsel nichts mehr zu erblicken und rings um uns war blaue See.