Sofort war ich niedergekniet. Auf dem Fußboden neben seiner Hand lag ein kleines, rundes Stück Papier, dessen eine Seite geschwärzt war. Ich konnte nicht zweifeln, daß dies der „schwarze Fleck“ war, und als ich es aufhob, las ich auf der andern Seite, die mit sehr guter, klarer Schrift geschriebene kurze Mitteilung: „Bis heute zehn Uhr Abend hast du Zeit!“
„Bis zehn Uhr haben sie ihm Zeit gegeben, Mutter“, sagte ich, und gerade in diesem Augenblick begann unsere alte Uhr zu schlagen. Dieses plötzliche Geräusch erschreckte uns furchtbar, doch brachte es gute Botschaft, denn es war erst sechs.
„Nun, Jim,“ sagte sie, „den Schlüssel!“
Ich untersuchte seine Taschen, eine nach der anderen. Ein paar kleine Münzen, ein Fingerhut, etwas Zwirn und eine große Nadel, ein Päckchen Tabak, das Taschenmesser mit dem krummen Griff, ein kleiner Kompaß und ein Feuerzeug, das war alles, was zum Vorschein kam, und ich war nahe daran zu verzweifeln.
„Vielleicht hat er ihn um den Hals“, meinte meine Mutter.
Ich bezwang meinen starken Widerwillen, riß sein Hemd am Hals auf und richtig hing er da an einem Stück geteerten Bindfadens, den ich rasch durchschnitt. Dieses Gelingen erfüllte uns mit Hoffnung. Ohne Zögern eilten wir hinauf in das kleine Zimmer, wo er so lange gewohnt hatte und wo seit seiner Ankunft der Koffer stand.
Er sah von außen wie irgendein anderer Matrosenkoffer aus, oben war der Buchstabe „B“ mit einem heißen Eisen eingebrannt, die Ecken waren wie von langer, rücksichtsloser Benützung verbeult und abgebrochen.
„Gib mir den Schlüssel!“ sagte meine Mutter, und trotzdem das Schloß schwer ging, hatte sie ihn im Augenblick umgedreht und den Deckel geöffnet.
Ein starker Tabak- und Teergeruch stieg aus dem Innern auf, aber oben war nichts zu sehen als ein sehr sorgfältig gebürsteter und zusammengelegter Anzug, der, wie meine Mutter sagte, nie getragen worden war. Darunter begann das Durcheinander: Ein Quadrant, ein paar Päckchen Tabak, zwei Paar sehr schön gearbeitete Pistolen, ein Stück ungemünztes Silber, eine alte spanische Uhr und noch eine Menge ziemlich wertlosen Krams meist ausländischen Ursprungs, einige Kompasse, die mit Bronze montiert waren und fünf oder sechs merkwürdige westindische Muscheln. Noch später habe ich oft darüber nachgedacht, warum er wohl die Muscheln auf seinem unsteten, verbrecherischen und gejagten Leben mit sich geführt haben mag.
Inzwischen hatten wir an Wertgegenständen nur das Silber und die Kleinigkeiten gefunden und alles das war nicht unser Fall. Darunter lag ein alter Matrosenmantel, der vom Anreiben an manch einer von Seesalz zerfressenen Hafenbarre gebleicht war. Meine Mutter hob ihn ungeduldig auf und da lagen vor uns die letzten Gegenstände, die der Koffer enthielt: ein Bündel, in Wachstuch eingeschlagen, das anscheinend Papiere enthielt und ein Sack aus Segeltuch, bei dessen Berührung das Klirren von Gold zu hören war.