„Ich werde diesen Schurken zeigen, daß ich eine ehrliche Frau bin,“ sagte meine Mutter, „ich will das, was er mir schuldig ist, und nicht einen Heller mehr. Halte Frau Croßleys Tasche auf!“ und sie begann den Betrag der Zechschuld des Kapitäns aus dem einen in den anderen Sack hinüberzuzählen.

Es war ein langes, schwieriges Geschäft, denn die Münzen stammten aus aller Herren Länder und waren vom verschiedensten Wert — Dublonen, Guineen, Louisd’ors und ich weiß nicht was noch alles — willkürlich durcheinandergeworfen. Die Guineen waren fast am seltensten, und nur mit ihnen verstand meine Mutter zu rechnen.

Als wir etwa zur Hälfte fertig waren, faßte ich sie plötzlich am Arm, denn ich hörte durch die stille, klare Winternacht einen Ton, der mir das Blut in den Adern gerinnen machte — das Tappen des Stockes des blinden Mannes auf der gefrorenen Straße! Es kam näher und näher und wir saßen mit angehaltenem Atem. Dann schlug man stark an das Tor, wir hörten wie die Türklinke niedergedrückt und am Riegel gerüttelt wurde, dann war es lange drinnen und draußen still. Endlich fing das Tappen des Stockes wieder an und erstarb zu unserer unaussprechlichen Erlösung langsam in der Ferne.

„Mutter,“ sagte ich, „nimm das Ganze und schauen wir, daß wir fortkommen.“ Denn ich war sicher, daß das verriegelte Tor Argwohn erregt haben mußte und uns das ganze Hornissennest auf den Hals jagen würde. Wie froh ich trotzdem war, daß ich zugeriegelt hatte, kann niemand ermessen, der dem furchtbaren blinden Mann nie begegnet ist.

Aber meine Mutter, trotzdem sie voll Angst war, wollte dennoch keinen Pfennig mehr nehmen, als was ihr gebührte und bestand eigensinnig darauf, daß es auch keinesfalls weniger sein dürfte. Es sei noch lange nicht sieben, sagte sie, sie kenne ihr Recht und wolle es haben. Während sie noch mit mir herumstritt, hörten wir einen dünnen, leisen Pfiff ein gutes Stück entfernt vom Hügel her. Das war genug und mehr als genug für uns beide.

„Ich nehme, was ich habe“, sagte sie, aufspringend.

„Und ich nehme das da, um die Rechnung glattzustellen“, sagte ich, und nahm das Wachstuchpaket.

Im nächsten Augenblick tasteten wir uns beide die Treppe hinunter, da wir die Kerze bei dem leeren Koffer zurückgelassen hatten und eine Minute später waren wir draußen und in vollem Rückzug. Wir waren keinen Moment zu früh aufgebrochen. Der Nebel teilte sich rasch und schon beschien der Mond die Raine an beiden Seiten der Straße, und nur ganz am Grunde des Tales und rund um das Wirtshaus hing noch ein dünner Nebelschleier, der die ersten Schritte unserer Flucht deckte. Lange ehe wir den halben Weg zum Dorfe zurückgelegt hatten, mußten wir hinaus in das helle Mondlicht. Aber nicht genug daran. Der Klang mehrerer Schritte schlug an unser Ohr, und als wir in die Richtung blickten, sahen wir ein hin und her schwankendes Licht näherkommen. Es war klar, daß das nur eine Laterne sein konnte, die einer der Herannahenden trug.

„Liebling,“ flüsterte meine Mutter plötzlich, „nimm das Geld und lauf, ich kann nicht weiter, ich werde ohnmächtig!“