Es wurde allmählich Abend.
Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mädchen, beide aus der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an. Sonst spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde nach und nach auch bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über, und das gerade sind ja die Besseren.
Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und »schneidigsten« das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Fräulein einen Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so, wie es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer weiblichen Faust wie der älteste und verbohrteste Spieler auf die Tischplatte und schrie hinwiederum echt mädchenhaft auf, sobald die Sache zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht recht unschön. Ihre Mutter betrug sich klug und gesittet. Wie wäre es möglich, eine ältere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches Betragen zu offenbaren?
Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant, diese drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es gelassen, sie lächelt dabei, das ist die Älteste. Meine Frau Tobler da aber ist vollständig weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin. Ihr Gesicht drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies verschönt ihr Gesicht gewissermaßen. Übrigens ist sie die Herrin, und mir steht es in keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenüber. Aber die dritte, dieses Männerfräulein da, behüte, ist das eine! Die verdreht die Augen, während sie setzt und spielt, denkt gewiß Wunder was für fremde Dinge und hält sich unbedingt für die Schönste, Beste und Gescheiteste. Nicht auf zwei Meter Entfernung, in Gedanken, möchte man der einen Kuß geben. Ein verdorbenes Mädchen. Sieh da, was für eine spitzige Nase sie hat. Da erfröre einer bei der kleinsten Berührung. Und in wie falschen Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt und aufschreit. Ich halte sie für eine schlechte, teuflische Person, neben ihr aber meine Frau da für einen Engel.«
Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler plötzlich auf den Gedanken gekommen wäre, den sie auch sogleich aussprach, »heute abend einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei so schön heute abend, und das bißchen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht groß der Rede wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand etwas wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der brummend beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles, ins Dorf geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot längs des Ufers, ohne sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne, Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der Villa zu fahren. Unten in einer Art Hafen würde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmähte es, die Partie mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen, dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Fräulein erklärte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tüchtig mitrudern zu wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt in Bereitschaft setzen ging.
Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf den breiten Steinplatten eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes, als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich sehr unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mädchen waren ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen fest an den Rändern des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das Fahrzeug an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging es auf einmal los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging langsam vorwärts, doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen sollte. Wie kühl auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die Kinder, ermahnte sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu bewegen, da sonst ein großes Unglück geschähe und sie alle zusammen ohne Erbarmen ertrinken müßten. Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen Worte, hielten sich still, auch die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so mitten draußen in der Nacht und mitten im murmelnden Wasser, in diesem leise dahingleitenden Boot doch etwas ängstlich zumute. Frau Tobler sagte leise, wie schön es sei, hier, und welch guten Gedanken sie, wie es ihr scheine, gehabt habe, solches vorzuschlagen. Da genieße man doch einmal wieder etwas, und ihr Mann würde besser getan haben, mitzukommen. Aber, setzte sie hinzu, für so etwas habe er keinen Sinn. – Wie kühl, wie schön!
Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im dunkelglitzernden Wasser Leo, der große Hund, nach. Man rief ihn. Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmückte ihren länglich geschnittenen Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen, weißen Handschuhen umschlossen. Das Fräulein schwatzte in einem fort. Aber Frau Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schöne, glückliche Naturträumerei schien ihr die gewöhnlichen Tagesdinge und deren umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre großen Augen leuchteten ruhig und schön mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie denke, antwortete er. Das Fräulein wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert werde, um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr lieb, denn das sei schön.
Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der Nützlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie hat wenig romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt sie sie, denn sie schätzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem Mann und der Welt sorgsam verbergen muß, weil man keine »überspannte Gans« sein will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein eigentümliches Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt eine kleine mit großen Augen grüßende und bittende Gelegenheit, und da darf dann das Halbvergessene einmal erwärmen und lebendig werden, aber das wiederum nur für kurze Zeit. Wer mit seiner Genußfreude und Gier vor die Öffentlichkeit treten darf, wem solches die Lebensverhältnisse leicht und gefällig erlauben, der stumpft in der Seele und im Herzen nur zu bald, alles, was darin gebrannt hat, auslöschend, ab. Nein, diese Frau hat keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht nichts von den Gesetzen der Schönheit, aber gerade deshalb fühlt sie, was schön ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen, ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran gedacht, was hoch und was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das tiefere Gefühl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, netzt ihr mit dem nassen Flügel das Bewußtsein.
Ja kühl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der See war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwärze der Nacht. Vom Ufer her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar Geräusche her, darunter eine helltönende Männerstimme, und jetzt hörte man vom jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertönen. Die Töne dieser Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um den dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben. Das Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schöne, tiefe Wasser. Einmal fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen leisen Überraschungs-, ja beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen, es schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben, aus weiter unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war über und über mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein Tuch, das sie mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph schien es, indem er sie anschaute, als lächle sie da so im Dunkel, genau würde er es nicht haben unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort, dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der Knabe.
Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserfläche singend empor und macht einen neuen, großen See aus dem Raum zwischen Himmel und See. Sie hat keine Gestalt, und dafür, was sie darstellt, gibt es kein Auge. Auch singt sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag. Sie streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber es gibt keine Hand, die ihr die Hand zu reichen vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen Schiffes sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes Wissen weiß das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser verliert sich, der gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff scheint jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und sicher fortzuschwimmen. –