Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich ein wenig zu sehr seinen Einbildungen überlassen hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende war, als man auch schon ans Land anstieß, das heißt an einen dicken Pfahl, der in der Nähe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler, der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er könne auch besser aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen Joseph rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte man in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler Bekannte antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit denen er sich in großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die kleine, lustige Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern und Eiern und von dem schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als »mein Angestellter« den Leuten vorgestellt. Ein junges, französisches Mädchen, eine Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft vorüber. »Une jolie petite française,« sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller Vergnügen, ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis frei hersagen zu dürfen. Das ist immer so in deutschen Landen, daß die Leute sich freuen, zeigen zu können, daß sie Französisch verstehen.
»Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die Arme!«
Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.
Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezündet hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen, halbausgezogen, und am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich ungestört zu Bett legen, um in einen sehr wahrscheinlich gesunden und tiefen Schlaf zu versinken. Ich bekomme in Biergärten Bier zu trinken. Ich kann mit Frau und Kindern Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft hier oben ist eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so wäre ich ein Lügner, wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und Gesundheit. Aber was gebe nun ich dafür? Ist das etwas Reelles und Gewichtiges, was ich zu bieten vermag? Bin ich klug und gebe ich das Maß meiner Klugheit auch wirklich voll her? Was sind das für Dienste, die ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet habe? Alles was recht und gut ist, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, daß mein Herr und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen hat. Sollten mir der Schneid, die Initiative, die Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das ist möglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwürdig umfangreichen Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt gekommen. Aber schadet denn das etwas? Freilich schadet es, denn die Unternehmungen Toblers verlangen leidenschaftliche Anteilnahme, und die Ruhe der Seele ähnelt bisweilen der trockenen Gleichgültigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern meines Ichs angepackt? Bin ich davon erfüllt? Ich muß gestehen, ich denke nur allzu oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehülfe, ist Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die Angelegenheiten Fremder, du ißt ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren Frauen und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in Fremder Kissen und Betten und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind hier bei Toblers nicht deshalb, daß wir es nur schön haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein bißchen sauer zu machen. Hopp!«
Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er löschte die Kerze und warf sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe »seiner Kopflosigkeit«.
Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich versetzt. Er wußte, wo er war und wußte es doch nicht recht, es war ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser. Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nähe zu sein, man hörte seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwährend zitterte unter der starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie hell es dazu immer war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht, sondern ein wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben unter Wasser. Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit beschäftigt, aber plötzlich zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas Glitzernd-Schneidendes, und Joseph sagte dazu: »sieh da, Tränen!« Warum er das wohl gesagt hatte? In diesem Augenblick donnerte und krachte Toblers Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber die alte Frau lächelte nur dazu, und wie man das Lächeln näher betrachtete, war es der Hund Leo, noch ganz naß von der eben unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare Stimme ging langsam in ein Säuseln über, wie Blätter im heißen, leisen Sommermittagswinde etwa zu lispeln und zu säuseln pflegen. Da erschien Frau Tobler in tiefschwarzem Seidenkleide, warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie trat auf Frau Wirsich mit vornehmer Wohltäterinnengebärde langsam zu, aber plötzlich schienen ihre Gefühle eine andere Richtung angenommen zu haben, denn sie fiel der Frau um den Hals und küßte sie. Toblers Stimme brummte dazu etwas, was, das konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich, dachte Joseph, findet er die Herzensüberwallung seiner Frau ziemlich überflüssig. Da verwandelte sich auf einmal die Wirsichsche Wohnung in den Laden jenes häßlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, bei dem Joseph früher täglich auf einem Stuhl gesessen hatte, um Geschichten aus ihrem Mund anzuhören. Auch jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine lange und eintönige und traurige, und merkwürdig, trotzdem sie lang war, dauerte ihre Erzählung kaum einen Moment. Träume ich das nur, oder erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein Zigarrenweib mit einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein köstlich gebautes und geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib stieg ein, und fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem schwarzen, grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pünktchen von ihr blieb in der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum einen Sprung und zwar ins Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen Hemd schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn fragend an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn beobachtete, konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war scheinbar die ganze, lebendige Welt. Überall waren Augen, die sich boshaft an seiner sonderbaren Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün vor Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er sich zu erheben, um von diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben, es war ihm entsetzlich zumut und er erwachte. –
Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas Wasser. Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles ganz still, das weißliche Mondlicht umzauberte und umflüsterte die Gegend. Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht unterhalb des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges kleines Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seefläche war von Dunst umwoben, man sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach kurz die Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wäre beinahe am offenen Fenster selber eingeschlafen.
Am Morgen verspätete er sich.
Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.