Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens bekam er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes gesagt:

»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein Geschäft sind kein Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht? Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh über eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man kann sie heutzutage ja auf der Straße auflesen. Von Ihnen aber erwarte ich Pünktlichkeit, verstanden, sonst – ich will das jetzt nicht mehr aussprechen.«

Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.

Eine halbe Stunde später war Herr Tobler der gütigste Herr und freundlichste Mann seinem Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt hatte er immer Herr Marti gesagt.

Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein außenstehender, er war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war nämlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land das alljährlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine hochherzige und wackere Tat der Vorfahren.

Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den morgigen Tag allerhand Lampen, Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem hatte er so rasch wie möglich, wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und breiten Rahmen zu bestellen, sowie zwei Fahnentücher, ein dunkelrotes und ein weißes. Das Tuch würde dann über den Rahmen gespannt, und das Ganze ergäbe das Wappen des Landes, nämlich ein großes rotes Feld mit dem weißen Kreuz in der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden Nacht vor die Fassade der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild würde man brennende Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch schimmere und jedermann aus der weiteren und weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten sähe.

Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen Gegenstände an. Leute stellten sich plötzlich ein, um an der Dekorierung des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so begann man, überall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern und Gittern Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die Büsche und festeren Gewächse des Gartens legte und hing und stellte und klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der ganzen Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie glücklich sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für Feste und deren schöne Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu sein. Beständig trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange zu krümmen, eine schief hängende, elektrische Lampe gerade zu drehen oder um bloß dem Ding zuzuschauen. Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens verschoben zu haben. Natürlich war diese ganze Veranstaltung etwas Freudiges, Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die sich nicht genug wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was das eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug für den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine Zeit blieb, darüber nachzusinnen, ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch wahre Dienste seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln, und das Wetter –.

Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend prachtvoll schön sei, man ruhig etwas Besonderes in Szene setzen könne. Auch brauche man bei einer solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu scheuen. Das sei schließlich für das Vaterland, und traurig müsse es um den Mann und Menschen stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe im Leibe habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anständig sei, zu übertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn mehr für derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem Beruf und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes Heimatland zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika oder nach Australien abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und dasselbe heraus. Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er, Tobler, möge es nun einmal eben gern so, und damit dürfe es gut sein.

Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne, große Fahne. Je nachdem der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen, oder sie kräuselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren eigenen, graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und dann auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer Siegerin und starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses prachtvolle Blau am Himmel.

Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmöglich. Die Post (es wunderte einen, daß sie heute überhaupt kam) brachte eine ziemlich hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene Ausführung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man eine so schöne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prägte sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich, beinahe mathematisch genau, als hätte man der Stirn den genauen Zahlenbetrag müssen ablesen können. Als Beigabe zur patriotischen Feier war solches nicht gerade besonders erbaulich.