Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften nachgegangen und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das würde fatal sein.
Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich schon in allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der betreffenden Erfindungen vorsprechen.
Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen war die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank- und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus, sicher war er das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfümiert trat dieser Herr Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam. Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, daß er, toll vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er den Befehl zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte er Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen, sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, daß der zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein. Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.
Aber Joseph war es doch ein wenig bange.
Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal sich außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas könnte kommen und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil umschlagen. War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure Pflicht, sich selber für einen struben Gauner zu halten, weil man sich unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah. War er gleichmütig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem gleichmäßigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spältchen verletzt fühle. War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig, so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich verpflichtet zu lächeln.
Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.
»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte Joseph. Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.
Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.
»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum Gehülfen.
Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme der Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er bitte, eintreten zu wollen.