Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne. Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei das nie merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie wisse wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine anscheinend so unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle aufgesammelten schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe, auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die Kraft zu einem Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine unselbständige Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder ernsthaft über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt, der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt sei, nur ein vorübergehender sein können.

Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches an sich.

Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis, einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und tröstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu bekommen, er würde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen, hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man empfand während dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest geschlossene Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich nicht allzuwüst anschimpfen.

Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmöglich, kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.

Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?

Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu Herzen nähme.

Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das war so schön anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und alle diese Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.

Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten heraufkommen, es waren »die seinen«.

Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.

Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn so pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem Wege zu gehen.