Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde es von lauter Anmut und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände haben es dauerhaft zusammengefügt, mit Mörtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können ein paar geschäftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden?

Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren und einer unsichtbaren, aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Stützen des Ganzen, wie der äußere. Was nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht, wenn die Menschen, die es bewohnen, es nicht zu stützen und zu ertragen vermögen? Da sind allerdings die geschäftlichen und ökonomischen Fehler von großer Bedeutung.

Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer seine geldspendende Hand jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen einzigen darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mußte ja Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch, der Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dächte er wohl kaum an solche Bauereien.

Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen still, biegen den Kopf zur Höhe und schauen sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt, wenn man von oben herabschaut, den Eindruck, daß diese zufälligen Beobachter über den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der kupferne Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld gekostet. Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung oben im Bureau im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand, der in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus und Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck.

Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist ja gewiß schon ein wenig nachdenklich geworden, darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die zur Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben prolongieren zu lassen, zurückzuweisen. Aber er hütet sich, die Gedanken des Mißtrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat, laut zu äußern. Es kann alles nur eine vorübergehende Krisis sein, und ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich selbst strenger Mann, der weiß, was vorlaute Bemerkungen einem strebenden und mit der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste, aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen Verkehr der aufblühenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu, obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hügel zum Abendstern ein bißchen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben gewöhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen Zahlungsunfähigkeit buchstäblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fäustchen lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der Sparbank von Bärenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe.

Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Sänger- oder Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er eben nur deshalb noch nicht auftut, weil er diese letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch nicht nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn sie durchs Dorf geht, von allen Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem wird es sicher noch nicht so schlimm stehen.

Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte über Nacht in das technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten sich ja einstellen. Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen, die mit den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? Und wenn einer einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, würde man ihn schon zu halten verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit dem Herrn Fischer, der ja übrigens, wenn man sich die Sache recht überlegte, vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß man ihn so ernst nahm.

War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flügel ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? War man nicht mit der Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen beschäftigt? Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen? Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.

Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war Herr Tobler nicht nach »diesem Lumpen-Bärenswil« gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur Genüge. Nein, es galt gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um die neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger und arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses auseinanderzugehen drohten. Und deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das, was man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren flüstern würde, den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen Heuwagen voll Geld kosten.