Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren dürfen, das wäre noch besser gewesen! Denen mußte man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude versalzen, die diese Menschen empfinden würden, wenn es so weit käme, daß Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater »abzotteln« müßte. Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde Tobler gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaßen fertig hergestellt wäre, an die angesehensten Bürger des Dorfes, an solche, die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig meinten, Einladungskarten schicken, damit sie sähen, wie fest und wie überlegen er das Leben betrachtete und anpackte.

Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fühlte, wer Frau und vier Kinder sein eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da sollten nur ihrer ein paar herankommen, er würde sie davonjagen mit Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen Augen. Und wenn sie dann noch nicht genug hätten, die Speck- und Wurstesser, nun, so würde es ihm eben einfallen können, den einen oder den andern von ihnen handlich anzupacken und über den Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände würde er in einem solchen Fall nicht machen.

Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C. Tobler, technisches Bureau, überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks- und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser und Zimmermann, Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker, Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und Gezischel in den öffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, bloß auf diesen Fall und für diese Lage zum voraus einzuüben, und das auch nur dann, wenn ihn ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert hatten.

Noch duftet das Haus Tobler von Sauberkeit und Wohlanständigkeit rings in die schöne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll zum See und zur Ebene herablachenden Hügel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufällig vorübergehenden Spaziergängern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und seine weißen Gesimse, bräunlich winkt der schöne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Geröll um die schlanke, feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart und an seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, das der Lebendigkeit, und das der Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser älteren Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken muß, es könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen müsse, dem darf übel zumut sein, er hat Ursache.

Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.


Si-vi, Si-vi!

Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen weiß diese Magd ausgezeichnet, wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets wegläßt. Aber Si-vi klingt eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen spricht niemand liebevoll.

Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz natürlichen Dingen zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus allen Ecken tönt und flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus, daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei in unmittelbarer Nähe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist die Luft um das Mädchen herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und Liebkosungen.

Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann geht hin und schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt ihn, denn die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater, dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, ein und dieselbe Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.