»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,« dachte Joseph, indem er sich bemühte, so klug und so knifflig wie möglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange er in Bärenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich, als ihm die Zurückhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fällen immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt, und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des Tisches die glänzendsten Reden gehalten, als würde es gegolten haben, einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu bekehren.
Gesprochen war im übrigen das Alltägliche worden, und das war ja schließlich das »Gemütliche« gewesen.
Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers Wirsich eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus dem Hause Tobler beförderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich beständige Rede war. Die Sache war folgende:
Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorläuferin von Pauline, ein nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d. h. diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wäschestücke und anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war, die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu augenfällig und in der Tat unanständig unterhalten wurden. Außerdem war die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als eine Gefahr für die Kinder. Sie hatte sich öfters plötzlich im bloßen Hemd auf der Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann steif und fest und hoch und teuer, und unter Tränen und Krämpfen ihres fetten Leibes, auf die Vorwürfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse sterben, und was des zynischen und läppischen Geschwätzes mehr sein mochte. Da die Herrschaften Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten, die die lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhältnis zu dem ungesunden und verderblichen Mädchen aufzulösen und ihr den Abschied zu geben.
Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien über Frau Tobler in der Gegend, wo sie wohne, Gerüchte verstreut worden, dahin deutend, ihre frühere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein Liebesverhältnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise glaube, da sie zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten sagen können. Aber verpflichtet habe sie sich gefühlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit gedient hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung zu machen, um sie zu warnen usw.
Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch richtig noch auch nur vernünftig geschrieben war, versetzte die Empfängerin in die hellste Entrüstung, denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines Dienstboten an die frühere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein eines schlimmen Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man saß draußen im Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer energischen Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich zu sein.
»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre hineinwickelte, beinahe kränkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu dienen, und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute auch nicht gerade.
»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph beinahe zornig, »erteilen Sie mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«
Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das und wandte ihm, indem sie ihn mit einem erstaunten Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte stillschweigend zu seiner Arbeit zurück.
Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im Bureau, bat sich von dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt sie mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut über die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedürfnisses doch nicht erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen Meinung zu hören. Der Brief war an die Mutter der heimtückischen Magd gerichtet und lautete: