Geachtete Frau!
Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner ehemaligen Dienstmagd, und daß ich es nur gleich sage, ein unverschämtes und nichtswürdiges Schreiben. Es werden darin, unter dem Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft, Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine Frau ausgestoßen, die, weil sie gütig und nachsichtig gewesen ist, nun dafür bestraft wird, daß sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, geachtete Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, währenddem sie hier im Dienst war, bestohlen hat, und daß ich sie dem Gericht überliefern könnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafür, daß dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist, und wer die Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen guter Sitte und züchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in die höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! Und nun habt acht auf die Böswillige, ich rate es Euch im freundlichen und schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme, achtenswert seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls würde ich mich zu keinen so langen und gutmütigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch vorstellen könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt sehen. Die Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn es nötig ist, nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft zu sehen.
Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende
Frau Carl Tobler.
Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil, wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als in die gegenwärtige Welt, die daran sei, die bestehenden gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch nur nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So schroff dürfe schließlich eine bürgerlich geborene Frau einer andern bürgerlich Geborenen nicht schreiben, das könne nur böses Blut erregen und den Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue im übrigen gut, sich gegenüber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten, sondern es dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte Frau« zu sagen, damit ein etwas herzlicherer und zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht schaden könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er während des Lesens bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.
Er lachte und bemerkte des weitern, er würde auch die Behauptung, daß das Mädchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler sage, zweifle, aber es könnten, sagte er, dumme Geschichten daraus entstehen, die mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob sie Beweise habe?
Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben können. Aber der ganze Brief müsse doch in einem energischen Ton abgefaßt sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie lieber schon gar nicht.
Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie es merkte, von Joseph beobachtet, der ihren Rücken und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche Haar betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen den schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese ganze Frauenerscheinung war. Da saß sie nun und bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und der Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt unwillkürlich, indem er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres gutbürgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand, Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rührte etwas am Aussehen dieses Frauenrückens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bißchen bewegte. War diese Frau schön? Im landläufigen Begriff sicher nicht, im Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht hätte. Beider Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen denjenigen der Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mußte empfinden, daß es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau stand zu halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn überhaupt Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher als der Ausdruck des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bückte sich demzufolge wieder auf seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so besonders zu tun war.
Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen etwas unfeinen Auftritt.
Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt schien, fing plötzlich an, lebhaft den Wirsich zu rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden mußte, anschaute, was ihn beleidigte. Er rief deshalb aus:
»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, er sei ein einzig dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht mehr hier, da man doch beständig von seinen geradezu himmlischen Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn, man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene, schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine einzige, die übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig ein bißchen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere Dienste, nehmen wir gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben. Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen Körper, und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den Mann sein Bündelchen schnüren und fortziehen, wohin er will, aber wir reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr lang und breit von ihm und seinen ›guten Eigenschaften‹. Man muß zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist, insbesondere dann nicht, wenn man alle diese köstlichen und königlichen Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres Wirsich.« –