Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich hin- und herbewegten. Wie hübsch das war, daß man sich unter das Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen Gegenständen, Körpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen gar nicht stürmisch an die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, so bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß wie klein geworden, ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend. Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher, stiller, gütiger Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schöner, nein, ein bescheidener, und doch ein so schöner. –
Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf Bänken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bänken in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen. Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß sie Münchnerin sei, die hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon so manches Mal hatte er arme und wehmütige Menschen auf diesen Bänken angetroffen und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die Münchnerin plötzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer Kleinigkeit an Geld helfen könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber doch etwas an und verabschiedete sich.
Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken nicht für verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein, was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht täuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas »vor« haben. Und dieses Mädchen da vis-à-vis, war sie eine Kokotte oder eine Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen Blumenstrauß ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen und -Püppchen? Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein? Möglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben ließ sich nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte, zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, daß er etwa sei? War er ein Bettler? Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die während der Woche in der famosen Schreibstube für Stellenlose sitzen, wo sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige, für das bißchen süße, freie Luft zum Einatmen. – Und was war das dort links für ein feines, ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es reisende und alle vorhandene Welt im Flug genießende Engländer oder Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr glücklich, nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es war ja so schön, zu lachen und sich zu freuen.
Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen, ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die ließen sich heute recht spärlich sehen; auf die Straße zu gehen, das mochte an diesem Tage nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes, verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschön anzuschauende Männer und Frauen. Welche Demut in solch einem verzettelten Spaziergängerbildnis war. Wie bitterlich arm ein Menschensonntag auftreten konnte. »Demütig werden,« dachte der Gehülfe, »wie ist das für so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.« –
Und er kam allmählich durch neue und andere Straßen.
Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus, und die Hügel hinauf, und den Kanälen entlang, lauter größere und kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen für reichere und ärmere Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue, oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am zerbröckelnden Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude vorüber, aus dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines gemißhandelten Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt und mit Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.
Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen erschienen nach und nach unregelmäßiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas Dörfliches. Katzen lagen vor den Haustüren, und die Häuser waren von kleinen Gärten umsäumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die hohen Hauswände und auf die Bäume in den Gärten und auf die Gesichter und Hände der Menschen. Man war in der Vorstadt.
Joseph trat in eines der neuen Häuser, die dieser noch beinahe ländlichen Gegend ein so merkwürdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte dann. Die Türe wurde aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung erschien, stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen leisen Überraschungsschrei aus:
»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? – Kommen Sie.«
Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und sagte: