»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.«
Einen Augenblick später sagte sie:
»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzähle mir. Du mußt mir sagen, wie du so lange hast leben können, ohne mir ein einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest Wein in der Flasche.«
Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militärdienstzeit und von der Firma Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen Betrunkenen singen und johlen hören, einer von jenen Gesellen, die den Sonntagabend mit wüsten, sozusagen brandroten Tönen zu heulen und zu charakterisieren pflegen.
Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhörte, sind sehr einfach.
Sie hieß Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zufälligerweise stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von der Zeit an, da sie in's Leben trat, veränderten sich ihre Weltanschauungen völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger Schriftsteller, wie Heine und Börne. Sie arbeitete in einem Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und Buchführerin; der Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie gab sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewärtigend, hin und war sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche Haus, eine jüngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben. Nach dem Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, mit der Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen, damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergüsse, die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhören.
Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen »Sozialismus« hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die Körper der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen, daß, was nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur jung und rasch bei der Hand und beim Entschluß war, sich mit dieser Idee beschäftigte. Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige, mit Düften hinreißende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister heraus an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die Arbeiter und ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geräuschvoll als ernst. Es wurden häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhältnissen und Ordnungen der Welt unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen Gedanken- und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten die Feinde dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln. Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu einer fröhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei berechtigt, usw.
Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen und schönen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen Meinung kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede auszulöschen vermochte, und das sich, einem rötlichen Himmel ähnlich, über die ganze runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode war, die »Menschheit«.
Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste Nacht hinein, in der Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und unterhielten sich über die Wissenschaften und über herzliche Dinge, wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war, immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er seine Gedanken wie mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu äußern und aufzuzählen hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mädchen war, mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er sich zurückbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.
Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine »freie Frau«, das heißt, sie fühlte sich sehr bald in der härtesten Weise durch ihren Freund, den Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so daß sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den ärmlichsten Umständen, einfach die Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort sagte: »Geh!« – Er war ihrer unwürdig! Sie mußte sich das tapfer sagen, oder sie mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die »Menschheit«, sondern sie betete ihr Kind an.