Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in die Arbeit gewöhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet, und während sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines kleinen Kindes, die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit Händlern und Grossisten wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches Geschick wie sie selber zu kosten bekommen hatte, häuslich an und lebte mit ihr in ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente aber ungebildete Frau, ein »guter Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er ein durchaus an Verstand und Gemüt geradegebauter Mensch, und durchaus kein religiöser Schwärmer war. Zu den Schwärmern war er einfach aus praktischen Gründen übergetreten. »Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du verlernst dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau zu ihm gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.
In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener Gast häufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben, eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe man lachen, da man ein Stück Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph sprach kein Wort mehr von der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu werden, desto weniger mochte man große Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« zu bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.
Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann geschah es, daß er sich ein ganzes Jahr nicht mehr blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann plötzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten, langen Absenzen, immer wieder.
Und nun saß er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzählte.
Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie sich bald ehelich verheiraten werde. Das Kind müsse einen Vater haben, und sie selber bedürfe einer Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, das Erwerbsleben, das sie so lange geführt habe, zu ertragen. Sie sei zu schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich darnach, die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den sie erwählt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rühren und erwählen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie lange erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre, begehre und begehre nur, sie glücklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, daß er jetzt nur eine Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.
Sie gab ihm lächelnd die Hand.
All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schöne Vergangene! Wie gut es gewesen sei, all das Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig! Jung sein, das irre, das müsse ohne Gedankentiefe reden und handeln, damit es ein Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer noch Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrücke nachher das Jugendleben.
Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und nachzusagen.
Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprüche, es will keine geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und Auseinandersetzungen finden, man möchte sagen, nur im musikalischen Sinne statt.
Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und machte sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es spürbar näher zu bringen und zu tragen.