»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig gewesen,« sagte Joseph bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer wieder zu ihr komme:
»Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich selten zu machen, aber man hat während der Pause das Gefühl, du denkest an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darüber, wie wenig du dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du bloß in den nächstbesten Bäckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flüchtling der Fall ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen für immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurück. Dich vernachlässigt ein bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst du so schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder verletzen noch preisen, beides wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr, sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns!«
Es war Nacht geworden über den Gesprächen. Sie verabschiedeten sich.
»Kommst du bald wieder?«
Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie sage, immer der Alte bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in vier Tagen wiederkomme.
Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.
Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr schießt dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas poetisch, wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorüber, und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da wirst du dich in die Brust werfen müssen, wenn du seinem kraftvollen Willen einigermaßen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«, wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird weniger schaden, als wenn du dir plötzlich einreden wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn aber einen »das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, und wie es scheint, ein zutreffendes, so muß man gegen diese in der Tat unwürdige Vernachlässigung ankämpfen, hörst du, und nicht am heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen Sonnenuntergangscheines mit alten Freundinnen über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird man sich seiner Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflüge zufälligerweise nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben, daß diese Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen auch so ein wenig »vernachlässigt« worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«? Ist sie nun endgültig beseitigt worden? So schnell füllen sich Köpfe nicht an, das muß erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und so wird, meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien. Nun also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied für Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen ein für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst, würdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafür, daß aus dem Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange, zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem Herrn und Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden ist, wird sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefühle jetzt. Man spaziert nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie möglich, die Bohrmaschine näher ansehen müssen, damit man mit allem, was das Geschäft Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu bescheidene Pflicht für denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt, helfen darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß auch die verborgenen Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer, hat man Sie nicht hier hinauf auf den grünen Hügel berufen. Sie spritzen mit Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben Sie auch schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht? Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom »Leben vernachlässigt« zu werden. –
Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen früh im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die nackten Arme einer Prüfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Körper, und gesund, fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, länger als für das Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.
Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, aber Tobler selber, der montagete heute. Unter montagen verstund man das länger als sonst ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen mehr als alle andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der würde heute sowieso erst um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme erscheinen.