Die Haare schienen heute früh außerordentlich schwer zu bürsten und zu kämmen zu sein. Die Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett, und man mußte sich bücken und sie aus dem hintersten Winkel hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie langweilig das alles war.

An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wäre das alles vielleicht niedlich, belehrend, nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut, wie ihn die »bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete ihn, wie ein Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen. Hierauf hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als ob seine Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er trat auf die Straße: er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er fühlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den Hut ab: gerettet! – Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch Kragengeschichten, Mäntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in seinem Leben vor.

Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frühstücken. Er aß unbändig, geradezu unanständig. Es befand sich übrigens niemand am Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man ja auch so nicht außer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches Vergnügen beim Herauslöffeln der Bratkartoffeln, und wessen Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er dadurch? Nachdem er so weit fertig war, hätte er eigentlich aufstehen können, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom Eßtisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen Erscheinung.

Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab gehen, das gehörte doch schließlich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich vornahm. Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein Geschäft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heißt, nach halber Beendigung energisch werden, das heißt wiederum, nur dazu energisch, um sich über irgend einen billigen Genuß herzumachen? Er zündete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versüßten, und rauchte drauf los wie das Mitglied eines Rauchklubs.

Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing an, sich nützlich zu erweisen.

Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, wie Joseph sogleich bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, Herr Tobler« legen und den Stumpen von neuem anzünden. In der Tat ging von der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben. Jede seiner gegenwärtigen Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschäfte eine neue Wendung eintreten.«

Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die Josephs sonntägliche Vergnügungen eingeschlagen hätten und rief, als derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:

»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort nach der längern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was? Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, aber man kommt schließlich doch auch gern wieder zurück. Habe ich recht oder nicht? Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe, entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug, dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr. Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen Brüsten und Manschetten, für Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«

»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« sagte Joseph.

»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie bitter nötig Sie's haben. Machen Sie keine Umstände, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's, fertig.«