Schließlich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehülfe. Wie lästig das war, jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu müssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte sich, ihn von oben herab halb anzuschauen.
Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger damit beschäftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es hatte kurz vorher geregnet.
»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?« brummte Joseph und erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur »Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tür ein schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine ersparten Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine »andere Welt« hinüber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der »Rose« unter dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat der Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gemäß, in das Restaurant zum Segelschiff ein, und wer saß dort am runden Stammtisch? Tobler!
Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der Kneipe.
Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch eins hinabtrinken, um das Hitzige, was man in der Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst Markengeld hat »betteln« müssen und infolgedessen ziemlich unwirsch aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, zerstreut werden. Gewiß muß und kann man auch das, aber – es war doch für einen Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« plötzlich bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber bedeutend an.
»So? – Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« sagte Herr Tobler gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:
»Ja! Muß auch sein.«
Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer die anfahrenden und abfahrenden Züge, auch jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Aber wie oft verpaßte trotzdem Tobler seine Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß, manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fällen pflegte er jedesmal zu brummen: »Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon wieder an der Nase vorbeigefahren.«
Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so daß die andern Wirtsgäste es hören konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt er schnell, er solle mit der Montierung der Uhren für die Utzwil-Stäfener-Bahn unverzüglich beginnen. Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige werden Sie wohl wissen.«
Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« Prinzipals, wie er ihn im stillen nannte, er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.