Beide lachten.

»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau Tobler, das Gespräch beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob sie die Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er wünsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.

Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett, so den dünnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen und das Aufklatschen des Wassers auf den Blättern der Bäume anzuhören. Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte der mit den Schläuchen Beschäftigte, und es wollte ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein kurioser Mensch?« –

Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten, unfreiwillig. Er hatte es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon wieder kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausjaß, um dafür zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig »kindelig« war. In der Tat ging es beim Jaß unter Berufsjassern eben viel ernsthafter und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige Jasserei ziemlich verachten gelernt.

Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er möchte noch ein wenig in der frischen Luft spazieren gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht, und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht zu sagen, als er Joseph sich ausreden hörte.

Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der Mond beleuchtete zart und groß die ganze Umgegend. Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging den Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die großen Wegsteine waren weiß vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen duftenden, träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hörte er Käuzchengeschrei. Einige zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche, und plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein später Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph überließ sich vollständig seinen Empfindungen.

Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen Menschen«, der er sei. Was er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergnügen durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles? Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher geführte und das vorauszuahnende zukünftige, das, das war kurios, und Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte – – Diese Frauen, wie sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl. Spaßhaft war das, nicht wahr? –

Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.


Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein gutmütiger, aber zugleich etwas heimtückischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet, heimlichfeißer Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger, irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine gesunde bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt gewesen. Aber sie verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klügerem aus. Sie schämen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein »schlechter Hund« sein als ein Tropf von Esel, den man leicht übers Ohr hauen kann. Die Bärenswiler sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder, der das probieren will, tüchtig gewarnt sein lassen. Sie sind herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schämen sich auch ihrer Güte, wie fast jeglicher Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den Stockzähnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur Welt gekommen wären. Später schweigen sie wieder volle vier Wochen lang. Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie Vorzüge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre Mängel als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen zu lassen, damit ja niemand Bescheid wisse, wie tüchtig sie sind. Um so bessere Handelsgeschäfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um dieser paar Ausnahmen willen müssen die Bärenswiler manches kecke und ungerechte Wörtlein hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust, diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb öfters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im übrigen Land. Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nüchtern, ein Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie bewohnen, sind sauber wie sie selber, die Straßen, die sie bauen, sind ein bißchen holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre Dorfstraßen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie selber. Und unter solch ein Volk mußte Herr Tobler geraten.