Und so reiste er eben.

Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die täglichen Lebensbedürfnisse angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine hochzuheben, um gemütlich in das Interieur der Toblerschen Familie blicken zu können, an der Tür zu stehen, um jemand, der vorüberging, an das Gefühl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich jetzt schon ein bißchen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und prüfte das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es genügte ihr, daß man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war höflich und vorsichtig. Eine Türschwelle, ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so daß diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand hinter ihr sei, als ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da hinter mir auf?« –

Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft zuflossen, wurden sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt sein. Man lebte und aß wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen. Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehülfen Verständnis und Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.

Die Knaben gingen wieder zur Schule, was für die Mutter eine große Erleichterung war, die sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes Viertelstündchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den Aufenthalt gestatten mußte.

Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in die Veranda hinaus, sie möchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen spielten im Wohnzimmer.

Was das heute wieder für schönes Wetter sei, bemerkte Joseph beim Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz anderes.

»An was denn?«

So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen beständig daran, ob es nicht viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fühle sie, komme ja doch langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts, sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.

»Wieso jetzt gerade?«

Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei seine Meinung bezüglich der Reklame-Uhr herauszusagen.