»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß sie sich auf guten Wegen befindet. Man muß nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen mit weiteren Kapitalisten« – –

Ach, sagte sie eifrig, er solle doch schweigen. Sie sehe es ihm ja deutlich an, daß er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er selber nicht glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn denn veranlasse, zu glauben, sie könne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht aushalten? Wenn er lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und unanhänglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten. Sie habe zu wissen verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie zu erfahren, ob der kaufmännische Gehülfe ihres Mannes überhaupt fähig eines eigenen Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei.

Joseph schwieg.

Was das für ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben, ihm einen Befehl erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon sein, Löcher seien genug darin. Was für ein Stolz das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers Kleider stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden, wohin er wolle, daß sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.

Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden vergaß er beinahe, er erinnerte sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an und er konnte arbeiten.

Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre und sagte ruhig:

»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«

Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit, die Feder in der Hand zu halten. Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Stühle schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und ging baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte er. Und dieser Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!

Das Glück und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genuß in den Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die wie Öl dalag, so ruhig, so fest. Die Frische des Elementes ließ den nackten Körper sich kräftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wärter laut zu: »Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da draußen. He! Hören Sie nicht?« Joseph aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt mit weiten Armbewegungen die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner, und er legte sich auf den Rücken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er zurückschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene Land, das Ufer, die Häuser. Alles lag da, eingehüllt in einen seligen Farben- und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an. Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter, er hätte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen können; wenn ein Unglück passiere, sei er es, den man verantwortlich mache. Joseph lachte.

Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es hätte ihn zu sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden müssen.