»Haben Sie geschrieben? Zeigen Sie her. Ich werde unterzeichnen, oder nein, halt, der Brief muß so abgefaßt sein, als würden Sie ihn aus eigenem Antrieb und Interesse für Ihren Prinzipal geschrieben haben. Schreiben Sie ihn anders und unterschreiben Sie selbst. Tun Sie so, als schrieben Sie ohne mein Wissen, haben Sie gehört? Ich stehe mit meinem Bruder nicht gut, Sie aber sind ihm ein vollständig Fremder. Machen Sie rasch. Ich muß überlesen, was Sie da aufsetzen. Und dann muß ich zum Bahnhof.« –

Tobler lachte und sagte:

»Das sind Kunststücke, mein lieber Marti, aber man muß sich in Gottesnamen zu helfen wissen. Schreiben Sie das nur auch gleich meinem noblen Herrn Bruder, das von Ihrem rückständigen Gehalt. Und dann wollen wir beide jetzt sehen, ob die Dinger einschlagen, oder nicht. Meine Mutter wird schon müssen. Andernfalls – – und vergessen Sie nicht, die ganze Reklame-Uhr-Geschichte noch einmal mit sauberer Schrift übersichtlich zusammenzustellen. Rauchen Sie! Stumpen sind wenigstens noch da. Nun holt uns entweder der Teufel oder wir brechen durch.«

»Wie diesen Mann die Hoffnungen und ›Kunststücke‹ hinreißen,« dachte Joseph.


Nach ein paar Tagen konnte dann Frau Tobler wieder aufstehen. Es war auch gut, denn die Pauline bedurfte einer regierenden Hand in der Tat. Sie hatte angefangen, nachlässig zu werden. Die Frau erschien wieder, mit einem dunkelblauen Hauskleid lose bedeckt, im Wohnzimmer und fing leise an, sich den häuslichen Geschäften und Sorgen wieder zu widmen. Sie trat leise und schön auf, und sie schien mit ihrer ganzen Gestalt still zu lächeln. Ihre Stimme war dünner geworden, ihre Bewegungen kürzer und furchtsamer, und ihre Augen schauten nach allen Seiten umher wie neugierige Kinderaugen. Die Krankheit hatte eine schöne Sanftheit über ihr ganzes Betragen geworfen, sie sah aus, als hätte sie sich von nun an nie mehr ereifern, als hätte sie niemals mehr für irgend etwas Partei ergreifen können. Mit ihrer Dora verfuhr sie natürlicher, nicht mehr gar so zuckerig, die Konditorei hörte ein bißchen auf zu blühen, und die Silvi konnte sie anschauen, ohne daß ihr der offenbare Zorn ins Gesicht schoß, was vorher beinahe jedesmal der Fall gewesen war. Sie schien im allgemeinen eine gewisse Kompliziertheit des Herzens abgeworfen zu haben, sie sah nach etwas Edlerem und Schlichterem als sonst aus, man schaute sie an und empfand so, und sie selber glaubte auch so empfinden zu müssen. Das Gesicht drückte Kummer aus, aber auch Freundlichkeit und Gelassenheit und etwas beinahe hoheitsvoll Mütterliches. »Ich bin wieder einigermaßen gesund, Gott sei Dank!« schienen alle ihre kleinen Gebärden zu sagen, und diese Sprache mußte eine tiefe und wahrhaftige sein, denn Bewegungen und Manieren können nicht gut lügen. Der Mund fieberte noch ein wenig, als läge auf ihm noch das erregte Zucken früherer unschöner Aufregungen, aber im großen ruhigen Auge lag es und leuchtete es klar geschrieben: »Ich bin ein wenig besser, feiner und überlegener geworden. Seht mich an. Nicht wahr, ihr merkt es?« – Ihre Hände griffen behutsam nach den Handarbeiten oder Geschirren oder nach einem Buch, es war, als ob diese Hände die Gabe des Nachdenkens bekommen hätten. Sie schienen auch Lippen zu haben und zu sagen: »Wir denken jetzt über manches, manches viel ruhiger und offener nach. Wir sind zarter geworden.« – Ja, die ganze Frau Tobler war ein wenig zarter, aber auch ein wenig blasser geworden.

Wie gut es ihr gefiel im Wohnzimmer. Das war tüchtig geheizt worden. Sie schaute durch die Fensterscheiben hinaus. Draußen lag alles im undurchsichtbaren Nebel. Wie schön das war, daß man gar nichts sehen konnte. Wie gemütlich es hier drinnen war. Einen Augenblick lang flatterte ihr das Bild des Sommers vor den zufriedenen Augen, sie sah es in Gedanken ganz ruhig an mit einem: Nun ja! und es verschwand wieder. Dann dachte sie an ihr neues Kleid und an die hauptstädtische Schneiderin, Frau Bertha Gindroz, und sie mußte leise lachen. Sie wischte ein bißchen den Staub von den Möbeln, aber sie rührte die Möbel eigentlich mehr nur so an, als würde sie dieselben haben liebkosen und grüßen wollen. Wie ihr alles lieb und neu war. Diese paar Tage! Und diese paar Tage, diese eine kurze Woche, hatte ihr alles in eine fremdartige, wohltuende Neuheit geworfen. Es lag alles in einem eigentümlichen, verkleinernden, verzierlichenden Schimmer, es schwindelte ihr ein wenig, sie setzte sich.

Der Hund war jetzt die meiste Zeit im Zimmer. Es war längst zu kalt im Hundehaus geworden. Nur während der Nacht mußte er draußen liegen.

Auch oben im Turmzimmer, welches man nicht heizen konnte, fing es an unleidlich kalt zu werden, so verbrachte Joseph die Abende und manchmal halben Nächte unten in der Wohnstube, meistens allein mit der Frau, die jetzt kaum noch jemanden zu Besuch empfing. Die Parketteriefrauen, die alte Dame und das Fräulein, waren mit Toblers infolge eines Meinungs- und Rechtsstreites böse geworden. Es handelte sich um einen kleinen, an beide Nachbargüter anstoßenden Grundstücksecken, den jeder von beiden Parteien beanspruchte. Die Sache war zu geringfügig, um vor Gericht getragen zu werden, aber sie machte böses Blut, es entstanden Schimpfworte, Beleidigungen, und der bisherige freundnachbarliche Verkehr hörte eben auf. Die alte Gluckhenne solle ihm nur nie wieder über den Gartenhag ins Haus kommen, hatte Tobler gesagt. Die Freundschaft war damit bündig gebrochen. Überhaupt, von welchen Personen hatte nicht Tobler ähnliches gesagt? Fast die meisten »sollten es nur noch einmal wagen, den Fuß auf Toblersches Terrain zu setzen, dann würden sie schön ankommen!« –

So saß man an den langen Abenden allein. Die Lampe beleuchtete meistens zwei Köpfe, den der Frau und den des Gehülfen, der ihr Gesellschaft leistete, und ein Spiel Karten, oder ein Buch, das aufgeschlagen auf dem Eßtisch lag.