Das war unangenehmer Bescheid von der eigenen Frau. Tobler, der einsah, daß er gewisse Dinge außer acht gelassen hatte, ging sofort daran, die nötigen Änderungen zu treffen, indem er am Zeichentisch ein paar neue Bestandteile rasch entwarf, um die Muster alsobald an die Schreinerei senden zu lassen. Es bedurfte nur ganz weniger Umänderungen, und der Stuhl konnte dann um so energischer in Fabrikation genommen werden. Bereits schrieben ja eine Anzahl Verkaufs- und Vertriebsgeschäfte, sie seien gespannt auf die Zusendung eines ersten, kompletten Exemplares.
Und die Reklame-Uhr, wie ging sie? Man stund mit einer ganz neubegründeten Unternehmungsgesellschaft in Verbindung, man hatte ausführlich Offerte eingereicht, sogar nebst kurzer Lebensbeschreibung des Geschäftsherrn, da dies gewünscht worden war. Man hoffte!
Inzwischen war das elektrische Licht im ganzen Hause vom Werk aus abgestellt worden, aus Gründen, die auch allen andern Lieferanten verboten, weiterhin auf gutes Vertrauen Waren und Werte in den Abendstern fließen zu lassen. Die Nachricht von der plötzlichen Ausschaltung des elektrischen Stromes machte Tobler beinahe krank vor Wut und veranlaßte ihn, den Herren vom Elektrizitätswerk einen ebenso ohnmächtig zornigen wie überflüssig groben Brief zu schreiben, bei dessen Empfang und Lektüre diese Leute, allen voran der Direktor der Anstalt, in gutmütig-verächtliches Lachen ausbrachen. Zwangshalber mußte man sich nun im Hause Tobler wieder einmal der bescheidenen Petroleumlampen bedienen, an welches Licht sich alle, außer Tobler, auch rasch gewöhnen konnten. Dieser aber vermißte zu sehr, wenn er nachts spät nach Hause kam, den Anblick seiner geliebten elektrischen Verandalampe, die ihm jeweilen als das schönleuchtende Wahrzeichen und als der hellschimmernde Beweis der sicheren Fortexistenz seines Hauses vorgekommen war. Der Schmerz um das hellere Licht verband sich in seiner Brust mit der großen übrigen Wunde und trug dazu bei, seine Gemütsstimmung noch mehr zu verdunkeln, derart, daß der jähe Wechsel seiner Laune für alle Mitwohner das täglich zu kostende Brot wurde.
Jetzt aber mußte in allererster Linie eine Summe Geldes beschafft werden, koste es was es wolle. Die dringendsten Verpflichtungen wenigstens mußten beseitigt werden, so galt es eines Morgens, der Mutter Toblers, einer vermögenden, aber hartnäckigen und in ihren Grundsätzen als unerschütterlich bekannten Frau, einen Brief zu schreiben, und zwar folgenden:
Liebe Mutter!
Durch meinen Anwalt Bintsch wird es Dir zu Ohren gekommen sein, in welch elender Lage ich mich zurzeit befinde. Ich sitze in meinem Haus wie der gefangene Vogel unter den stechenden und zum voraus schon tötenden Blicken der Schlange. Ich bin von Gläubigern derart umgeben, daß, wenn das Freunde und Gönner wären, ich zu den reichen und allbeliebten Menschen zählen müßte; aber leider sind es die unbarmherzigsten Leute und ich der Bedrängteste der Menschen. Du hast mir, liebe Mutter, früher auch schon mehr als einmal aus der Klemme geholfen, ich weiß es, und ich bin Dir allezeit im stillen dankbar dafür gewesen, so bitte ich Dich denn, und zwar dringendst, und so, wie Menschen bitten, denen das Messer der öffentlichen Schande am Halse sitzt, hilf mir auch dieses Mal noch aus der Verlegenheit und sende mir umgehend, wenn es Dir irgendwie möglich ist, wenigstens einen vorläufigen Teil der Gelder, die ich nach allem, was Recht heißt, heute noch zu beanspruchen habe. Mutter, versteh mich, ich drohe nicht, ich sehe ein, daß ich vollkommen von Deinem guten Willen abhängig bin, ich sehe auch ein, daß Du mich ins Verderben stürzen kannst, wenn Du willst, aber warum solltest Du das wollen können? Gegenwärtig ist auch noch meine Frau krank, Deine Tochter. Sie liegt im Bett und wird es so rasch nicht wieder verlassen dürfen, ja, ich darf noch froh sein, wenn sie es überhaupt eines Tages wird verlassen können. Du siehst, auch das noch! Was soll ein Geschäftsmann, der dermaßen von Schlägen und Stößen getroffen worden ist, beginnen? Bis jetzt habe ich noch immer einigermaßen gewußt mich über dem Wasser zu halten, jetzt aber bin ich in der Tat am Rande der absoluten Unmöglichkeit, mich ferner zu halten, angekommen. Was sagst Du dazu, wenn es bald einmal, eines schönen Morgens oder Abends, in der Zeitung steht, Dein Sohn habe sich das Le – – – doch nein, ich bin nicht imstande, das ganz auszusprechen, denn ich spreche zu meiner Mutter. Schicke mir unverzüglich das Geld. Auch das ist keine Drohung, nur eine Mahnung, aber eine sehr ernste. Auch in der Haushaltung ist fast kein Geld mehr, und an den Gedanken, daß die Kinder über kurz oder lang nichts mehr werden zu essen haben, bin sowohl ich wie meine Frau längst gewöhnt. Ich schildere Dir meine Zustände nicht wie sie sind, sondern so, wie ich sie sehen will, um den Anstand der Sprache zu bewahren. Meine Frau grüßt Dich herzlich und umarmt Dich, ebenso Dein Sohn
Karl Tobler.
Nachbemerkung: Ich bin auch heute noch vom endlichen Gelingen meiner Unternehmungen felsenfest überzeugt. Die Reklame-Uhr bewährt sich, verlaß Dich darauf. Und noch etwas: Mein Gehülfe verläßt mich, wenn er seinen rückständigen Gehalt jetzt nicht ausbezahlt erhält.
Der Obige.
Während Tobler diesen Brief an seinem Pult aufsetzte, richtete der Angestellte an seinem Schreibtisch die Mündung des Korrespondenzgeschützes auf einen Bruder von Tobler, einen in angesehener Weltstellung in einem entfernteren Landesteil lebenden Regierungsbaumeister, indem er demselben, gemäß den von seinem Chef soeben erhaltenen Instruktionen, ans Herz legte, wie miserabel es im Abendstern hergehe und daß es allerhöchste Zeit sei usw.