Mit Joseph verkehrte dieser Mann in der ausgesucht eigentümlichsten Art und Weise. Er verstand es, plötzlich, als hätte ihn die dunkle Erde selber ausgespien, vor dem Bureau, Licht und Luft gleichsam weghauchend, zu erscheinen. Dann blieb er eine gute, volle Minute stehen, nicht, um etwas zu tun oder vorzubereiten, sondern zu seiner, wie es schien, persönlichen Lust und Freude. Dann öffnete er die Türe, trat aber noch nicht ein, würde ihm noch lange nicht eingefallen sein, sondern blieb stehen, anscheinend, um zu prüfen, welchen Eindruck sein unheimliches Benehmen machte. Seine kalten Augen fest auf den unangenehm berührten Gehülfen gerichtet, kam er jetzt in das Bureau hinein, um vorläufig abermals eine Pause zu machen. Nie sagte er guten Tag oder guten Abend. Für ihn schien die Tagesstunde gar nicht zu existieren, ja nicht einmal die Gottesluft, denn dieser Mann schaute in die Welt hinaus, als ob er nicht nötig hätte, zu atmen. Sein knochiges Gesicht fest ineinanderklemmend nahm er jetzt ein oder zwei Formulare aus einer schwarzledernen Tragtasche, hob sie absurd hoch in die Luft und ließ sie auf den Schreibtisch des Gehülfen fallen, schweigend, spitz und hackig, wie Krallen eines Raubvogels hacken. Dies abgetan schien er sich an dem Bewußtsein zu weiden, das ihm sagen mochte, seine Erscheinung sei eine trostlose und herzbeklemmende gewesen, denn er dachte in keinerlei Weise daran, sich zu entfernen, sondern probierte minutenlang, ob es ihm gelinge, die Brieftasche wieder in seine Rocktasche zu befördern. Dann sagte er – beinahe – adieu und ging. Dieses Adieu des Mannes war viel frostiger, als wenn er gar nichts gesagt hätte, es klang geistesabwesend und zugleich bewußt kurz und hart. Der Mann schien dann gehen zu wollen, nein, jetzt tat er jedesmal erst das Schreckliche, er maß mit seinen Augen die Umgebung, das Haus und den Garten. Dann ging die andere Türe auf, Frau Tobler erschien aufgeregt im Bureau, mit großen Augen und mit den angstvollen Worten: »Jetzt steht er wieder im Garten! Sehen Sie, sehen Sie!« –
An den Tagen, wo dieser Mann erschien, war das Wetter meist ein graues, kaltes, schweigendes Mittelding zwischen Schnee und Regen. Die Mauern des Hauses waren an den Sockeln naß, ein scharfer Seewind blies, neue Schneegestöber oder Regenstürze versprechend, und der See lag da so bleiern und farblos und traurig. Wo waren jetzt seine schönen Abend- und Morgenfarben? Versunken in der Tiefe des Wassers? An solchen Tagen gab es weder einen Morgen noch einen Abend mehr, die Stunden zeigten alle dasselbe trübe Aussehen, die Zeiten schienen ihrer Bezeichnungen und der lieben, wohlbekannten Lichtunterschiede überdrüssig geworden zu sein. Zeigte sich in solch einer Naturtrübheit und -Entstelltheit noch der Mann mit der schwarzledernen Mappe, so meinten Frau Tobler und der Angestellte, das Erdbild sei plötzlich umgedreht worden, und man erblicke die Schattenseite alles Tatsächlichen und Gewohnten, nicht mehr das Natürliche. Etwas Gespenstisches schien sich um das schöne Haus Tobler aufzuhalten, und das Glück und die Zierlichkeit dieses Hauses, ja selbst seine Berechtigung, schienen sich in einen fahlen, müden, glanzlosen und bodenlosen Traum verloren zu haben. Wenn dann Frau Tobler durchs Fenster schaute und ihren Sommersee ansah, der jetzt ein Winter- und Nebelsee geworden war, die Melancholie erblickte und empfand, die sich auf allem Sichtbaren breit machte, mußte sie ihr Tuch an die Augen halten und hineinweinen.
Als einer der wildesten Gläubiger und Schuldenforderer erwies sich der Gärtner, der bis dahin stets die Gartenarbeiten besorgt, und die Gewächse geliefert und gepflegt hatte. Dieser Mann schimpfte wie ein ganzes Bataillon von Schimpfern auf Tobler und dessen ganze Familie und sagte, er wolle sich keine einzige ruhige Stunde mehr gönnen, bis der Tag da sei und er die Genugtuung habe, diese »hochmütige Gesellschaft« gepfändet und aus dem Abendstern hinausgeworfen zu sehen. Man hinterbrachte Herrn Tobler, halb, um ihm zu schmeicheln, halb, um ihn im geheimen zu kränken, diese rohen Worte, und sofort befahl dieser, die Pflanzen, die ihm gehörten, und die sich in den Gewächshäusern der Gärtnerei befanden, von dort ohne weiteres abholen, und sie nach dem Keller des befreundeten Versicherungsagenten, des Mannes, der die Grottennacht mitgemacht hatte, führen zu lassen. Joseph war mit der schleunigen Erledigung dieses Befehles betraut, und er hatte keine Ursache, zu zögern. So wurde mit einem einpferdigen Wagen nach der Gärtnerei gefahren, und dort wurden dann auch die Pflanzen, darunter ein bereits ziemlich hochgewachsenes Edeltännchen, aufgeladen. Der zum Garten verwandelte Wagen fuhr ab, durch die Straßen, neben den augenaufreißenden Leuten vorbei, und hielt vor der Wohnung des dem Fuhrmann bezeichneten Hauses und Mannes. Der Versicherungsagent selber half mit abladen und in den Keller tragen, was immer hineingehen mochte. Das junge edle Tännchen mußte an Schnüren befestigt werden, damit es in den für sein schlankes und stolzes Wachstum zu niedern Gewölben wenigstens schräg stehen konnte. Es tat dem Gehülfen weh, den Baum derart untergebracht zu schauen, aber, was war da zu machen? Tobler wollte es so, und der Wille Toblers blieb alleinige und unbedingte Richtschnur für das Tun des ersteren.
Dieser Versicherungsagent war in der Tat Tobler treu geblieben. Es war dies ein einfacher aber aufgeklärter Mensch, dem es nicht einfiel, wegen Schwierigkeiten rein äußeren Gepräges einem Manne Freundschaft und Vertrautheit aufzukünden, den er einmal schätzen gelernt hatte. Er war nun noch beinahe der einzige, der etwa Sonntags herüber in die Villa kam, um einen Jaß inszenieren zu helfen. Etwas zu trinken gab es bei Toblers immer noch, behüte! Da war ja erst noch in den letzten Tagen ein kleines Faß voll prächtigen Rheinweines aus Mainz angekommen, eine verspätete, aber deshalb nur um so mehr willkommene Lieferung, die einer Bestellung aus früheren, besseren Tagen entsprechen mochte. Tobler schaute groß auf dieses Faß herab, er wußte sich gar nicht mehr an den einmal der Firma gegebenen Auftrag, ihm solchen teuren Wein zu senden, zu erinnern. Joseph hatte nun wieder eine Nebenaufgabe, die darin bestand, den Wein in Flaschen abzuziehen und dann dieselben gehörig mit Korken zu verschließen, zu welcher Arbeit er eine ganz erstaunliche Geschicklichkeit an den Tag legte, so daß Frau Tobler, die dem behenden Ding zusah, scherzweise fragte, ob er denn früher schon einmal in Kellereien gearbeitet habe. Auf solche Art gab es im Haus manche muntere und selbstvergessene Stunde, die vortrefflich dazu beitrug, über die zahlreich vorkommenden, schweren Stunden hinüberzuhelfen, was für alle nötig genug und eine nicht zu unterschätzende Wohltat war. Da aber wurde eines Tages Frau Tobler plötzlich krank.
Sie mußte sich, so ungern sie das gerade jetzt tat, zu Bett legen, und man war gezwungen, den Arzt zu holen, denselben Doktor Specker, der es seit vielen Wochen zu vermeiden gewußt hatte, den Fuß weiter über die Schwelle eines Hauses zu setzen, um dessen innere Grundpfeiler es so schlimm stund. Er leistete dem Ruf Folge, trotzdem er fürchten mußte, daß er für die ärztliche Arbeit und für die Mühe des mitternächtlichen Ganges durch eine stockdunkle Gegend nicht honoriert werden würde. Er trat an das Bett der Frau still heran und tat in Manier und Sprache so, als wenn er seine freundschaftlichen Besuche nie eingestellt hätte, sondern fortwährend in bester Verbindung mit der Familie geblieben wäre. Er fragte teilnahmevoll nach den Schmerzen, und danach, seit wann Frau Tobler sie habe usw. und übte die ernsten Pflichten seines Berufes so angenehm, als er es vermochte, aus. Tobler zeigte dem Doktor später, trotzdem es schon bald ein Uhr war, noch den Krankenstuhl, dessen erstes naturgroßes Modell am selben Tag angekommen war. Jetzt könne er ja das Möbel gleich an seiner Frau praktisch erproben, sagte der Erfinder und versuchte einen lustigen Ton anzuschlagen, was aber nicht recht gelingen wollte. »Nicht noch rasch ein Glas Wein trinken, Herr Doktor?« – Nein. Der Arzt ging.
So müsse sie nun auch noch zu allem unschönen Übrigen im Bett liegen, klagte die Frau zu jedem, der zu ihr an das Bett trat. Nicht genug, wehklagte sie weiter, daß im Haus und im Geschäft bald alles zusammenstürze, möge nun nicht einmal die nackte Gesundheit mehr bleiben. Krank müsse man sein, wo eine Hand zum Arbeiten und ein Auge zum Überwachen mehr als nötig geworden sei. Und Geld werde das wieder kosten, und wo es hernehmen? Sie sei so matt, und sie möchte so gern munter sein, möchte gern das Schlimmste ertragen. Wo Dora sei? Dora solle zu ihr kommen. --
Joseph hatte keinen Zutritt in das Krankenzimmer. Da es aber tagelang so dauerte und er ihr einmal etwas, das unbedingt sein mußte, zu sagen hatte, so wagte er es, das Zimmer zu betreten. Er tat es mit der Zaghaftigkeit des Menschen von sonst rauhen Gewohnheiten. Sie schaute ihn lächelnd an und gab ihm die Hand, und er brachte es zustande, ihr gute Besserung zu wünschen. Wie groß ihre Augen waren. Und diese Hand. Was für eine Blässe. War das eine Rabenmutter? Sie fragte, wie es unten im Wohnzimmer aussehe, und wie sich die Kinder benähmen und sagte schwach, nun müsse einstweilen er ein bißchen den Erzieher spielen, bis sie wieder aufstehen könne. Sie sehne sich darnach. Ob auch Pauline noch recht koche. Und was die Geschäfte machten?
Er gab ihr Auskunft und war sehr glücklich über diesen Moment. Und dieser Frau, die sogar im Bett eine vollendete Dame zu bleiben verstand, der die Krankheit eher Schönheit zutrug als wegnahm, hatte er eine Moralrede halten wollen? Wie unrecht und unreif. Und doch, wie wahrscheinlich! Denn Silvi wurde auch zu dieser Stunde noch um kein Haar besser als wie immer behandelt.
Wenn Silvi während dieser Tage ein Geschrei ausstoßen wollte, zischte ihr Pauline in die Ohren: »Bist still!« Die Kranke mußte geschont werden.
Bei der nächsten passenden Gelegenheit geschah es sodann, daß Tobler dazu kam, den patentierten Krankenstuhl an der Frau zu probieren. Sie war wenig zufrieden mit den Eigenschaften dieser Erfindung und wagte es, die Fehler, die diesem Möbel anhafteten, zu rügen. Vor allen Dingen, sagte sie, sei der Stuhl zu schwer, er drücke, und dann müsse er breiter gebaut sein, er enge zu sehr ein.