Nach drei Stunden rief ihn der Wärter. Er war »fertig«. Er nahm Abschied von allen. Dem armen Melker, der noch sechs Wochen zu sitzen hatte, drückte er herzlich die Hand. Er bekam seine Papiere wieder zurück und konnte die Straße betreten. Die Glieder waren kalt und steif, im Kopf summte und läutete und schoß noch der Traum. Eine Stunde später stand er wieder inmitten der realen, Toblerschen Geschäfte. Reklame-Uhr und Schützenautomat winkten ihm ärgerlich und zugleich hilfeflehend entgegen, und Joseph schrieb wieder an seinem Schreibtisch.


»Sie haben jetzt da eine tüchtige Erholungspause gemacht,« sprach der Ingenieur, »zwei volle Tage spürt man in einem Geschäft wie dem meinigen. Es heißt jetzt doppelt hinter der Arbeit her sein. Hoffentlich merken Sie sich das, was ich sage. Dazu habe ich natürlich einen Gehülfen nicht nötig, um ihn alle Wochen etwa Arreste absitzen zu lassen. Es wird niemand von mir verlangen dürfen, daß ich Gehälter aus« – –

Er hatte sagen wollen: »auszahle«, schnitt aber plötzlich seiner Rede, nachdenklich werdend, den Atem ab. Joseph glaubte nicht nötig zu haben, auch nur ein Wort zu erwidern.

Der Krankenstuhl war fertig geworden. Ein bildhübsches, kleines Modell stand auf Toblers Zeichentisch und wurde alle Augenblicke von einer neuen Seite betrachtet, indem es der Ingenieur, scheinbar voller Entzücken, hin und her drehte, um den Genuß des Anschauens von überall her zu haben. Sogleich mußte sich der Gehülfe dahinter setzen und Offertbriefe schreiben an verschiedene in- und ausländische, größere Krankenmöbelgeschäfte.

Tobler legte das feine Gerät durch einfache Schraubendrehung und Hebelverschiebung glatt zusammen, ließ sich das Ding in gutes Papier einpacken, nahm seinen Hut und ging ins Dorf, um diesen Ungläubigen, den sarkastischen Bärenswilern, zu zeigen, welch eine Erfindung da wieder komplett und gangbar gemacht worden sei.

Joseph hatte inzwischen dem Friedensrichter des Ortes zu schreiben, Tobler könne der morgen früh um neun Uhr stattfindenden Besprechung bezüglich der Streitsache Martin Grünen persönlich nicht beiwohnen, da ihn dringende Geschäfte abhielten. Er erlaube sich daher, dem Herrn Friedensrichter die nötigen Aufklärungen und Zahlenaufstellungen schriftlich zu geben, woraus er ersehen könne, daß usw.

»Daß mein Herr Tobler ein Engel ist,« lächelte innerlich, nicht ohne flüchtige Bosheit, der Gehülfe. Nachdem dieses Schreiben erledigt war, galt es ein ähnliches, in beinahe noch brüskerem Ton gehaltenes Erklärungsschreiben an das löbliche Bezirksgericht abzufassen. Joseph wunderte sich wieder einmal über die Prägnanz seines Briefstiles, sowie über die Höflichkeitswendungen, die er plötzlich dem energischen Ton hie und da einzuflechten wußte. »Man darf nie zu grob sein,« dachte er bei solchen Seitensprüngen in die Gegenden der Artigkeit und des bescheidenen Wesens. Er erledigte auch diesen Brief ziemlich rasch, denn er hatte die Sache jetzt ja »schon so sehr los«, über welchem zufriedenen Bewußtsein er wieder einmal einen der wohlbekannten, unfehlbaren Stumpen anzündete. Mochten sie kommen, die Friedensrichterämter und Bezirksgerichte, und die ebenso zahlreichen wie tückischen amtlichen Zahlungsaufforderungen, er und Tobler, sie würden deswegen noch lange fortfahren, und zwar ganz ruhig und seelengemütlich, ihre duftenden Stengel und Rauchzinken herunterzudampfen.

Im Dorf war man allmählich, zuerst einander es zuflüsternd, jetzt aber es laut auf der Straße erzählend, einer immer höher steigenden Welle, aus Einsicht bestehend, ähnlich, zu der Überzeugung gekommen, daß da oben im Abendstern nichts mehr zu »retten« sei, wenn man nicht die nötigen Schritte, wenigstens etwas noch herauszufischen, an Hand der Betreibungsgesetze einleite. Und so war es denn dahin gekommen, daß Herr Tobler, sowohl was die Firma als was die Haushaltung betreffen mochte, von allen Himmelsrichtungen her wechselrechtlich bestrahlt, beschattet und betrieben wurde. Es glich einem festtäglichen Speerewerfen, wie es da von links und rechts, von daher und dorther auf das Haus Tobler, Löcher und Verstimmungen einschlagend, niederprasselte. Der Gerichts- oder Betreibungsbote schlich den ganzen Tag hämisch und zugleich gemütlich ums Haus und rund um den ganzen Garten herum, als hätte er hier besonders guter Weile gehabt, als würde es ihm gerade hier oben ganz besonders wohl gefallen haben. Es sah aus, als ob der Mann ein stiller Gartenkunst- und Naturbewunderer gewesen wäre.

Oder war die hagere, spitze Gestalt von einem Baukonsortium oder gar von einer geographischen Gesellschaft beauftragt, mit den Augen und mit dem Gedächtnis die Gegend abzumessen? Kaum! Aber so sah der Kerl aus. Frau Tobler haßte und fürchtete ihn und floh, sobald sie ihn sah, eilig von den Fenstern weg, als wäre dieser Mann die personifizierte trübe Ahnung und Stimmung gewesen. Die Frau hatte recht, denn wenn man sich erkühnte, dieses Menschen zugeklemmtes und zugenageltes Antlitz zu betrachten, so fror einen, und man fühlte sich unwillkürlich von der eiskalten Hand des Unheiles berührt und gestrichen.