Langweilige, öde zwei Tage!
Der Schweizer oder Melker war von allen noch der Lustigste. Diesen wahrhaft schön anzuschauenden Burschen hatten »sie« gefesselt dahergebracht, weil er sich herausgenommen hatte, den Polizeiunteroffizier, der ihn arretierte, um den Kopf zu schlagen, daß demselben das Blut zu Mund und Nase hervorspritzte. Für diese Tat wurde natürlich dem Melker dann ein ganzer Monat oder mehr zu der anfänglichen Strafe hinzudiktiert, was aber diesen scheinbar unerschrockenen und in Dingen der schönen Ehre vollständig gleichgültigen Menschen gar nicht weiter beunruhigte. Im Gegenteil, er schuf sich aus dem stumpfsinnigen, gezwungenen Daliegen einen possierlichen und fidelen, monatelang anhaltenden Witz, er verstund es vortrefflich, sich und alle andern zu unterhalten, und nie wollte in diesem Kellerraum das Lachen ganz verhallen und erlahmen. Dieser Melker sprach von Staats- oder Militärpersonen nie anders als im Tone kindlich-kräftiger Überlegenheit und Übermutes. Nie kam etwas Giftiges und Wütend-Zurückgehaltenes über seine Lippen. Tausend Anekdoten, die er, erfunden oder wahrhaft erlebt, erzählte, hatten alle mehr oder weniger zum Inhalt die Betölpelung und Naseführung irgend welcher Standesmenschen, mit denen dieser schöne, verdorbene Mensch wie mit lächerlichen und hölzernen Puppen umzugehen gewohnt schien. Kraftvoll und geschmeidig wie er war, durfte man der Hälfte seiner Erzählungen ruhig, und ohne die gesunde Vernunft zu verletzen, Glauben schenken, denn das schien in der Tat solch ein Mensch zu sein, herkommend direkt noch von den stolzen und unbändigen Ahnen des Landes, ausgestattet mit längst aus den Generationen entschwundenen Spiel- und Raufkräften, und mit dem Mute begabt, der eben die Gesetze und Gebote der weiten Öffentlichkeit fast notwendigerweise verachtete. Sonderbarerweise trug er, um den Unfug, den er mit Vorgesetzten aller Art trieb, noch zu schärfen, auf dem Lockenkopf eine Militärmütze, die er Gott weiß wo noch von einem Dienst her aufbewahrt hatte. Neben all seinen Vagabondiergewohnheiten schien er indessen durchaus den einfachen, weicheren Empfindungen nicht abhold zu sein, wenigstens hörte man ihn von Zeit zu Zeit jodeln und singen, was er sehr schön und voll Taktgefühl tat. Auch erzählte er nicht ohne Sehnsucht von seinen vielen und weitläufigen Wanderschaften, die ihn durch das ganze, große Deutschland, von Landgut zu Landgut, getrieben hatten. Wie er da mit den Herren und Rittergutsbesitzern umgegangen war, das war, ob es nun teilweise aus Schwindel oder aus fortreißender Erzählerphantasie bestehen mochte, höchst possierlich und angenehm, ja sogar romantisch anzuhören. Dieser Bursche hatte einen wahrhaft schön geschwungenen und geformten Mund, eine edle und freie und ruhige Gesichtsbildung, und er würde vielleicht, mußte man, wenn man ihn betrachtete, denken, unter kriegerischen und kühnangelegten Lebensverhältnissen dem Land außerordentliche Dienste haben erweisen können. Alles an ihm sprach von untergegangenen Lebens- und Weltformen; namentlich wenn er sang, was er zu der Zeit, die Joseph im »Loch« zubrachte, einmal plötzlich mitten in der Nacht tat, glaubte man, die Töne und den Zauber der alten, starken Zeit vernehmen zu sollen. Eine wundervolle, abendliche Landschaft stieg mit dem Lied wehmütig empor, und man bedauerte den Sänger und das Zeitalter, das sich gezwungen sah, mit Menschen von des Melkers Veranlagung derart kleinlich und mißverständlich zu verfahren, wie es tatsächlich der Fall war.
Während diesen zwei Karzertagen hätte der Gehülfe die schönste Gelegenheit gehabt, über Verschiedenes nachzudenken, über sein bisheriges Leben zum Beispiel, oder über Toblers schwierige Weltlage, oder über die Zukunft, oder über das »Allgemeine Obligationenrecht«, aber er tat es wiederum nicht, er versäumte auch diese kostbare Gelegenheit und begnügte sich, den Späßen und Liedern und Zoten des Schweizers zuzuhorchen, die ihm interessanter erschienen als sämtliche Nachdenklichkeit der neuen und alten Welt. Überdies wurde beinahe alle zwei Stunden das »Schinkenklopfen« wiederholt, auch eine Ablenkung vom Drang, zu philosophieren, oder der Gefangenenwärter trat zur rasselnden Türe herein, um einen der Arrestanten, der »fertig« war, abzuberufen, was auch wiederum die geistige Aufmerksamkeit von höheren Dingen den niedrigen und gemeinen Interessen zuzog. Wozu aber auch denken?
War denn nicht das Erleben und Mitleben der Gedanke, auf dessen Pflege es am allermeisten ankam? Und wenn auch die achtundvierzig Stunden des Absitzens achtundvierzig Gedanken ergaben, genügte denn nicht ein einziger, allgemeiner Gedanke, um im Leben auf guter, glatter Bahn zu bleiben? Diese reizenden, achtunggebietenden, mühsam zusammenerdachten achtundvierzig Gedanken, was konnten sie dem jungen Menschen nutzen, da es doch vorauszusehen war, daß er sie morgen vergaß? Ein einzelner richtungangebender Gedanke war da gewiß viel besser, aber dieser Gedanke war nicht zu denken, dieser Gedanke zerfloß in die Empfindungen.
Einmal hörte Joseph den Melker sagen, das Vaterländli könne ihm in seiner ganzen Größe, wenn es wolle, den Buckel hinaufsteigen.
Wie war das natürlich und unrecht gesprochen. Freilich, das Vaterland, oder der gesetzliche Begriff desselben, schikanierte den Melker, hemmte ihn, fesselte ihn, diktierte ihm öde und gliederzerbrechende Freiheitsstrafen, langweilte ihn, bereitete ihm Verdrießlichkeiten, Kosten und Schädigungen an der körperlichen Gesundheit. Und so wie der Melker sprach, dachten Tausende. Tausende vom Leben nicht ganz so gleichmäßig behandelte und vorwärtsgeschobene Menschen, wie es das militärische Gebot blind und trocken voraussetzte. Die Diensterfüllungen kamen nicht einem jeden so glatt gelegen, wie vielen andern, die aus den Diensterfüllungen sogar ein Lebens- und Weltgeschäftchen zu machen wußten, indem sie sich auf Staatskosten unterhalten und beköstigen ließen. Manchem riß der Dienst ein unangenehmes Loch in die Laufbahn, ja manchen konnte er sogar in die bitterste und brutalste Verlegenheit setzen, indem die paar mühsam ersparten Rappen, Centimes oder Pfennige in das anspruchsvolle Militärtreiben flossen, wovon am Ende der Dienstpflicht kein Hauch mehr übrig blieb. Nicht ein jeder konnte dann zu Vater und Mutter gehen und um Unterstützung bitten, nicht einen jeden nahmen dann Kontor, Fabrik oder Werkstätte sogleich wieder auf, sondern er mußte oft lange warten, bis er wieder zu dem Kreis arbeitender, lernender, erwerbender und zielbewußter Menschen gehörte. Konnte man da groß zählen auf dieses Einzelnen Vaterlandsliebe? Welch eine Idee!
»Und trotzdem!« Mit dem erwärmenden Gefühl, das in diesem gedachten »trotzdem« lag, sprang der Gehülfe von seiner Pritsche auf, um sich am »Schinkenklopfen« zu beteiligen. Er hatte Glück, er mußte nie lange »darhalten«. Er erriet die Hand, die ihn schlug, jeweilen sofort. Den Schlossergesellen erkannte er jedesmal an der Wucht des Drauflosschlagens, den Tapezierer an der Ungeschicktheit des Schlages, den Juden an den Fehlschlägen, den Amerikaner an der Zimperlichkeit und Geniertheit, womit derselbe sich am Spiel beteiligte und den Melker an der absichtlich gemilderten und gedämpften Schwungkraft. Der Melker hatte für Joseph von Anfang an eine gewisse Zärtlichkeit empfunden. Er wandte sich jedesmal, wenn er zu erzählen begann, an diesen, weil er sah, daß der Gehülfe sein aufmerksamster Zuhörer war.
Zu rauchen war den »Gefangenen« verboten, aber Schulkinder kamen an das Gitterfenster heran und vermittelten den zierlichsten und schönsten Tabakschmuggel. Einer der Insassen kletterte auf die Achseln eines zweiten hinauf und pickte vermittels eines an einen geheimnisvollen Stock befestigten Nagels die Tabak- und Zigarrenpakete behend und geschickt auf und warf dafür die Groschen oder Rappen den kleinen Verkäuferinnen und Schmugglerinnen durchs Fenster zu, derart, daß das »Loch« immer voller Rauch war. Der Gefangenenwärter, ein anscheinend gutmütiger Mann, schwieg dazu.
Die zwei Karzernächte waren für Joseph kalt, fröstelnd und schlaflos. In der zweiten Nacht konnte er ein wenig schlafen, aber ein unruhiger Schlaf war es. Er träumte fieberhaft.
Das »Vaterländli« des Melkers lag ihm großausgestreckt mit allen seinen Bezirken und Kantonen vor den leidenschaftlich schauenden Augen. Aus einer Schicht Nebel hervor tauchten die geisterhaften, blendenden Alpen. Zu ihren Füßen erstreckten sich himmlisch grüne und schöne Matten, umhallt von Kuhglockentönen. Ein blauer Fluß beschrieb ein leuchtendes und friedlich gezeichnetes Band durch die Gegenden, Dörfer und Städte und Ritterburgen zart berührend. Das ganze Land glich einem Gemälde, aber dieses Gemälde lebte; Menschen, Geschehnisse und Gefühle bewegten sich darin auf und ab wie hübsche und bedeutende Muster auf einem großen Teppich. Handel und Industrie schienen wunderbar zu gedeihen, und die ernsten, schönen Künste lagen in brunnenrauschenden Winkeln und träumten. Man sah die Dichtkunst am einsamen Schreibtisch sitzen und sinnen und die Malerei an der Staffelei siegreich arbeiten. Die zahlreichen Fabrikarbeiter kehrten still und schön und ermüdet von ihren Schaffenswerkstätten heim. Man sah den Wegen am Abendlicht an, daß es Heimwege waren. Weite und schallende und ergreifende Glocken tönten. Dieses hohe Tönen schien alles, was da war, zu umschallen, zu umdonnern und zu umarmen. Daraufhin hörte man das feine, silberne Klingen eines Geißenglöckchens, und es war einem, als stünde man auf einer hochgelegenen Bergweide, umschlossen von Nachbarbergen. Von weit unten her, aus den Ebenen, drangen die Pfiffe der Eisenbahnen herauf und das Lärmen der menschlichen Arbeit. Mit einem Male aber zerschnitten sich diese Bilder von selber, als wären sie auseinandergeblasen worden, und eine Kaserne hob sich in ihren Fronten deutlich und stolz empor. Vor der Kaserne stand eine Kompagnie Soldaten in geradeausgerichteter und unbeweglicher Achtungstellung. Der Oberst oder Hauptmann saß zu Pferd und ordnete die Bildung eines Quadrates an, worauf die Soldaten, geleitet von den Offizieren, diese Bewegung ausführten. Wunderbarerweise war aber dieser Oberst kein anderer als der Melker. Joseph erkannte ihn deutlich am Mund und an der weithinschallenden Stimme. Der Melker hielt nun eine kurze, aber feurige Rede, worin er der militärischen Jugend das Vaterland ans Herz legte. »Trotz allem!« dachte Joseph und lächelte. Sie waren ja in der Ruhestellung, und da durfte sich einer schon zu lächeln erlauben. Der Tag war ein Sonntag. Ein junger, hübscher Leutnant trat auf den Soldaten Joseph zu und sagte freundlich: »Nicht rasiert, Marti. He?« Worauf er säbelklirrend die Front weiterschritt. Joseph griff sich verlegen unter das Kinn: »Noch nicht einmal rasiert bin ich heute!« – Wie die Sonne strahlte. Wie heiß es war! Plötzlich gab es im Traum einen Stoß, und ein freies Feld tat sich auf mit einer liegenden, auseinandergezogenen, halbrunden Schützenlinie. Die Gewehrschüsse widerhallten in den nahen Waldbergen, die Signale ertönten. »Sie sind tot, stürzen Sie um, Marti!« rief der auf seinem Pferd das Bild des Gefechtes überschauende Melker-Oberst. »Aha,« dachte Joseph, »er ist nett zu mir. Er läßt mich hier auf dem reizenden Grasboden ausruhen.« Er blieb am Boden liegen, bis das Gefecht aus war, indem er sich die Zeit damit vertrieb, Grashalme durch den durstigen Mund zu ziehen. Welch eine Welt, welche Sonne! Welch eine Sorglosigkeit, so dazuliegen! Aber er sollte jetzt wieder aufspringen und in Reih und Glied treten. Er konnte nicht, es hielt ihn fest am Boden. Der Grashalm wollte nicht aus dem Mund herausgehen, er arbeitete daran, Schweiß trat ihm auf die Stirn, Angst in die Seele, und er erwachte und befand sich wieder auf der Pritsche, dicht neben dem schnarchenden Schlossergesellen.