»Krank!« machte Wirsich mehr mit der Hand als mit dem Mund. Joseph rief aus:
»Und wegen Ihnen, nicht wahr? Entgegnen Sie mir nichts, ich weiß es, als ob ich der ständige Zeuge dieser Krankheit und dieses Verfalles gewesen wäre. Welche Mutter verzweifelt nicht, wo der Sohn aus jeder Art schlägt, derart, daß er dem fleißigen Zigarrenstummelaufleser nicht mehr gerade in die Augen zu blicken wagt? Da ist sie jahrelang stolz auf den Herrn Sohn gewesen, hat stets zu ihm hinauf mit den Augen der Liebe und Bewunderung geschaut, hat ihn gesorgt und gepflegt, lebt noch, ist krank, aber könnte gesund sein in den alten und ausglimmenden Tagen, wenn der Gegenstand der Pflege und Liebe recht und tüchtig und nur ein strohhalmdünn wacker tun wollte. Es brauchte ganz wenig, und die alte Frau wäre zufrieden, und sie würde versuchen, ihrem alten, zerbrochenen Stolz neue Flammen anzuhauchen. Ihr Kind würde sie schon um der Versuche willen, honett und stark zu bleiben, beinahe anbeten. Und der Vergeßliche und Entartete ist dazu noch der einzige Sohn, die erste und letzte Möglichkeit des mütterlichen Gefühlsfeuers, und er ist plump und grausam genug, auf die Liebe und tage- und jahrelange Freude täppisch zu treten. Hören Sie, Wirsich, ich möchte Sie am liebsten durchprügeln.«
Sie gingen zusammen, um eine Schlafstätte ausfindig zu machen. Im Gasthaus zum »Roten Haus« war noch Licht, sie traten in die Gaststube. Allerhand Handwerks- und Wandersmenschen saßen um einen Tisch herum, einer gab Schelmenstreiche, die er scheinbar vielfach verübt hatte, zum besten, die Übrigen horchten zu. Joseph bestellte ein Nachtessen und etwas zu trinken. Er würde, dachte er, morgen früh mit dem allerersten Zug zurück nach Bärenswil fahren.
Es war nur noch ein einziges Zimmer im ganzen Gasthof frei. Wirsich und Marti schliefen daher beide in ein und demselben Bett. Bevor sie einschliefen, plauderten sie noch eine ganze halbe Stunde lang zusammen. Wirsich war nach und nach munter geworden. Joseph sagte ihm, er solle nur von morgen ab ruhig in diesem Gasthauszimmer wohnen bleiben und hier fleißig Offertbriefe schreiben, die er, in Kuverts säuberlich gesteckt, selber an Ort und Stelle hintragen könne. Man müsse sich unter keinen Umständen schämen, Armut und Not an den heiteren Tag zu legen, dürfe aber dabei keine gar zu wehleidige Jammermiene machen, sonst widere das die Leute, auf deren Wohlwollen es ankomme, nur zu bald an. Eine Trauermiene sei überdies geschmacklos. Das Persönlich-Hingehen zu den Geschäftsleuten habe das Gute, daß diese meist gebildeten und vernunftvollen Menschen einem etwa ein Fünfmarkstück in die Hand drückten, da sie den Beweis vor Augen hätten, daß der Stellensuchende sich ehrlich Mühe gäbe. So hätten es etliche und andere, die er, Joseph, sehr gut kenne, gemacht, und sie hätten dabei immer gewisse bescheidene Erfolge zu erzielen gewußt. Namen und Schicksal von Hülfeflehenden seien den Reichen meist ganz schnuppe, aber diese Herren gäben eben etwas, das sei in guten, alten Firmen und Familien von alters her gutmütiger und vornehmer Brauch gewesen. Wirklich armes müsse zu wirklich vornehmem Wesen hingehen, in aller Ruhe, dort sei es immer noch am wenigsten am Halse geschnürt und könne atmen und könne sich zeigen, wie es beschaffen sei und so, wie es eben einmal leide. Man müsse, wenn man schon nun einmal am Boden liege und Not erdulde, lernen, mit Anstand und Freiheit zu zeigen, daß man bitte, das entschuldige und verstehe man, das erweiche ein wenig die Herzen und könne niemals die gute und geschmeidige Sitte verletzen. Voll Haltung müsse aber einer dabei sein, dürfe nicht zu greinen anfangen wie ein halbjähriges Wickelkind, sondern solle zeigen durch sein Benehmen, daß er von etwas Großem und Mächtigem, vom Unglück, darniedergeworfen worden sei. Das ehre wiederum ein wenig und veranlasse den Härtesten zur flüchtigen, süßen, edlen, anstandsvollen Milde. So, jetzt habe er ihm da eine lange Rede gehalten, und gehörig schwungvoll obendrein, jetzt aber, wie er zu tun gedenke, wolle er schlafen, denn er müsse früh wieder aufstehen.
»Sie sind, glaube ich, ein guter Kerl, Marti,« sagte der andere. Dann schliefen sie ein. Es war schon halb vier Uhr morgens. Um acht Uhr, nach drei Stunden Schlaf und einer dämmernden Eisenbahnfahrt, stand der Gehülfe wieder im technischen Bureau, zwischen Zeichen- und Schreibtisch. Jetzt ging er ins Wohnzimmer frühstücken.
Acht Tage darauf hatte er sich wieder, und zwar als Arrestant, nach der Stadt zu begeben. Einen zweitägigen Arrest hatte er dafür abzusitzen, daß er die herbstliche Wiederholungsübung versäumte. Er meldete sich zur bestimmten Stunde in der Kaserne an, man nahm ihm die Militärpapiere ab und führte ihn in den Karzer. Dort lagerten auf Pritschen und untergelegten Mänteln an die fünfzehn jüngere und ältere Männer, die alle den Neuankömmling musterten. Es roch nach allem möglichen Schlechten in dem Raum, dessen vergittertes Fenster direkt an den Straßenboden anstieß. »Ich habe wenigstens zu rauchen,« dachte Joseph und begann, es sich auf einer der Pritschen nach Möglichkeit bequem zu machen. Bald hatten ihn alle Insassen der bunten Reihe nach angesprochen. Es waren aller Art Menschen, die ähnliche Strafen wie der Gehülfe zu verbüßen hatten. Einer wie der andere schimpfte. Entweder war es ein höherer Offizier, der irgend etwas Ungeheuerliches begangen haben sollte, oder es wurde irgend einem Staats- oder Zivilbeamten heimgezündet. Die Gesichter aller dieser fünfzehn oder sechzehn Menschen drückten Langeweile, Appetit nach Bewegungsfreiheit und Unzufriedenheit mit der Stumpfheit, die im Raume herrschte, aus. Es lagen welche Burschen da, die schon wochenlang saßen, einer sogar, ein Melker, monatelang.
Neben dem Hoteliersohn und Amerikareisenden lag hier der Tapezierer, neben dem Maurer und Handlanger der Kommis, neben dem Kuhmelker und Schweizer der reiche, jüdische Handelsmann, neben dem Schlossergesellen der Bäckermeister. Keiner von den fünfzehn Leuten glich dem andern, aber alle glichen sich in der Art, wie sie schimpften und Kurzweil trieben. Daß auch wohlhabende und gebildete Leute da waren, hatte seinen Grund in der gesetzlichen Unmöglichkeit, Arreststrafen in Geldstrafen umzugestalten, so daß hier eine Gleichheit der Behandlung herrschte, wie man sie im ungebändigten, offenen Leben lange suchen konnte.
Plötzlich wurde ein, wie es Joseph schien, regelmäßig an der Tagesordnung stehendes Spiel arrangiert. Es hieß das »Schinkenklopfen« und bestand in einem ziemlich brutalen Draufloshauen mit der gestreckt flachen Hand auf den Podex desjenigen, der verdammt war, denselben den unbarmherzigen Hieben darzuhalten. Einer der Nichtmitspieler mußte dem Dulder die Augen zudecken, damit er sich nicht die Herkunft der Hiebe und Schläge merken konnte. Erriet er nun aber trotzdem die Person dessen, der ihn gehauen hatte, so war er frei, und der Ertappte hatte sich, willig oder nicht, an die unangenehme Stelle des Erlösten herabzubücken, bis auch ihm das rasch- oder langsam-erkämpfte Glück des richtigen Erratens zufiel.
Dieses Spiel wurde eine gute Stunde aufs eifrigste betrieben, bis die Hände vom Schlagen ermüdet waren. Nach einiger Zeit kam das Essen, du liebe Zeit, es war eben eine Karzerkost, keine Bohnen, Rüben oder Blumenkohl, nicht einmal ein kleines Schweinefilet, sondern Suppe und ein Stück Brot, langweiliges, trockenes Brot, nebst einem Schluck Wasser. Die Suppe war auch eine Art Wasser, und die Löffel waren außerdem noch in ziemlich degoutierender Art und Weise an die Suppentöpfe angekettet, wie wenn einer das Blei hätte stehlen wollen, wozu doch sicherlich kein Grund da war. Aber es war praktisch, dieses Anketten, und militärisch und beleidigend, und Karzerinsassen waren begreiflicherweise nicht dazu da, um geschmeichelt, liebkost und flattiert zu werden. »Der verächtlichen Handlungsweise die verächtliche Strafe«: das stund scheinbar auf dem Eßgeschirr deutlich und ankältend geschrieben.