Und die Welt, verändert sie sich? Nein. Das Winterbild kann sich über die Sommerwelt werfen, aus dem Winter kann Frühling werden, aber das Gesicht der Erde ist dasselbe geblieben. Es legt Masken an und ab, es runzelt und lichtet die große, schöne Stirne, es lächelt oder es zürnt, aber bleibt immer dasselbe. Es liebt die Schminke, es färbt sich bald bunter, bald matt, bald ist es glühend und bald blaß, es ist nie ganz dasselbe, es verändert sich immer ein wenig und bleibt doch immer lebendig und ruhelos gleich. Es blitzt mit den Augen Blitze und donnert mit seiner gewaltigen Stimme den Donner, es weint den Regen in Strömen herab und läßt den saubern, glitzernden Schnee zu seinem Mund herauslächeln, aber an den Zügen und Linien des Gesichtes verändert sich spurwenig. Manchmal nur fährt ihm ein schauderndes Erdbeben, ein Hagelsturz, eine Fluten-Überschwemmung oder ein Vulkanfeuer über die ruhige Oberfläche dahin, oder es erbebt und erschaudert innerlich von Welt- und Erdempfindungen und -Zuckungen, aber es bleibt dasselbe. Die Gegenden bleiben dieselben, Städteansichten allerdings weiten und runden sich aus, aber wegfliegen und sich einen andern Ort aussuchen, von einer Stunde auf die andere, das können Städte auch nicht. Die Ströme und Flüsse fließen dieselbe Bahn wie seit Jahrtausenden, sie können versanden, aber sie stürzen nicht plötzlich über ihre Strombetten an die offene leichte Luft hinaus. Das Wasser muß sich durch Kanäle und Höhlen hindurcharbeiten. Das Strömen und Wühlen ist sein uraltes Gesetz. Und die Seen liegen, wo sie seit langer, langer Zeit liegen. Sie springen nicht zur Sonne hinauf und spielen nicht Ball wie Kinder. Sie sind manchmal empört und schlagen ihre Wasser und Wellen zornig zischend zusammen, aber sie verwandeln sich weder eines Tages in Wolken noch eines Nachts in wilde Pferde. Alles in und auf der Erde gehorcht schönen, strengen Gesetzen, wie die Menschen.

Es war also jetzt Winter geworden um Toblers Haus herum.


Einen Sonntag gab es zu dieser Zeit, an dem Joseph geglaubt hatte, in die Hauptstadt fahren, und sich wieder einmal amüsieren zu sollen. In der Stadt hatte er Nebel in den Straßen gefunden, nasse Blätter am Boden, Bänke in den Anlagen, auf die man sich jetzt nicht mehr setzen konnte noch mochte, in den innern Gassen Lärm und am Abend vor den zahlreichen Kneipen gröhlende Betrunkene. Eine halbe Stunde lang war er bei seiner Frau Weiß gewesen, um ihr zu erklären, wer Tobler und Frau Tobler seien, aber eine innere Scham und Ungeduld hatte ihn bei der ruhigen und gelassenen Frau nicht lange gelitten, er war wieder in die Gassen der Sonntagnacht hinuntergegangen und hatte ein paar Lokale zweifelhaften Genres aufgesucht, um sich zu »amüsieren«. War er der Mensch dazu gewesen? Jedenfalls hatte er viel Bier getrunken, und im »Wintergarten« hatte er mit jungen, gigerlhaften Italienern am Büffet Händel angefangen. Ebendaselbst stieg er auf die kleine Variétébühne, vor aller Anwesenden Augen, und zum größten Gaudium derselben, und fing an, den Gaukler, der sich dort produzierte, in den Gesetzen des Geschmackes und der körperlichen Geschicklichkeit zu unterrichten, bis er schließlich von einer Handvoll Kellner zum Lokal hinausgewiesen wurde.

In der Kälte der Nacht setzte er sich in den Anlagen auf eine Bank, um sich den Rausch von der herrschenden, rauhen Witterung aus Kopf und Gliedern hinausblasen zu lassen. Ein wahrer Sturmwind sauste und rüttelte in den Ästen der Parkanlagebäume. Das aber schien einem zweiten, nächtlich hier, wie es schien, ebenfalls ausruhenden Menschen, der sich auf die Bank vis-à-vis von Joseph gelagert hatte, gänzlich gleichgültig zu sein. Was konnte das für ein Mensch sein, und was hatte ihn veranlaßt, sich hier, gleich Joseph, in die offene, rücksichtslose Sturmnacht zu setzen? Tat man solches? Der Gehülfe, irgend ein Unglück oder einen Schmerz ahnend, trat auf die ruhende, dunkle Gestalt zu und erkannte – Wirsich.

»Sie hier? Wie geht's Ihnen denn, Wirsich?« frug er erstaunt. Sein Rausch war mit einmal verflogen. Wirsich gab lange keine Antwort. Dann sagte er:

»Wie es mir geht? Schlecht. Wer läge sonst hier im Regen und in der Kälte? Ich bin ohne Stellung und ohne jeden Halt. Ich werde stehlen, ich werde ins Gefängnis kommen.«

Er brach in lautes, elendes Weinen aus.

Joseph bot seinem Vorgänger in Toblers Amt ein Goldstück an. Dieser nahm es, ließ es aber zu Boden fallen. Der Gehülfe schrie ihn an:

»Seien Sie doch nicht so borniert, Mensch. Nehmen Sie das Geld. Tobler selber hat es mir heute zaudernd genug gegeben. Wir dort oben im Abendstern haben jetzt auch sozusagen kein Geld mehr, aber wir lassen den Mut keineswegs sinken. Sie, Wirsich, brauchen durchaus nicht zu sagen, Sie müssen stehlen gehen. Da schlägt man sich lieber mit der Hand eins auf den Mund, bevor man so etwas sagt. Warum stehlen gehen? Gibt es nicht eine Schreibstube für Arbeitslose? Aber Sie schämen sich wohl, dorthin zu gehen, zu dem Herrn Verwalter, der ein sehr, sehr lieber, mildedenkender, erfahrener Mensch ist. Wir im Abendstern, wir sind eines Tages freidenkend genug gewesen und haben uns aus dieser Schreibstube einen jungen und in der Tat vielleicht nicht ganz tüchtigen, wohl aber brauchbaren und schmiegsamen Menschen, namens Joseph Marti, geholt, weil Herr Wirsich nicht mehr hat gut tun wollen. Gehen Sie und arbeiten Sie, fragen Sie morgen früh überall, wo Sie auch mit dem Fuß hintreten, nach Arbeit, und sein Sie überzeugt, man gibt Ihnen irgendwie und wo welche. Was für Manieren! Sie werden an manchen Orten sicherlich schnöde und kalt abgefertigt werden, aber dann gehen Sie eben weiters, bis Sie gefunden haben, was Sie in die Lebenslage versetzt, aus welcher heraus man langsam wieder ein Mitmensch wird. Man soll sich verbieten, ans Stehlen zu denken. Der gesunde Kopf soll der Gebieter sein und bleiben, man soll ihn nicht reizen und reizen, bis er zum Narren und Schurken wird. Doch jetzt würde ich an Ihrer Stelle mit dem Gelde da, das nicht ich, sondern Tobler Ihnen jetzt gegeben hat, irgend ein vernünftiges Nachtlager für den vorbereitenden Schlaf aufsuchen gehen. Sagen Sie, was macht Ihre Mutter?«