Der Vater trat zu dem Sohn hin und versetzte demselben einen Schlag an den kleinen Kopf, der einen starken Mann hätte umwerfen können, wie mehr ein derartiges Bürschchen, wie der Edi eins war. Alle im Zimmer zitterten. Frau Tobler senkte ihre Augen schamhaft. Es tat ihr jetzt leid, gesprochen zu haben. Tobler jagte Edi mit Hieben und Stößen in die dunkle Nebenkammer hinein. Walter, der kleine Angeber, war totenbleich geworden. Dora umklammerte den Arm der Mutter. Diese wagte zu sagen, es sei genug, Tobler solle sich beruhigen. Dieser stöhnte.
»Eine unbegreifliche Frau,« murmelte Joseph für sich.
Das müsse noch sein, zu der Zeit, da sowieso im ganzen Dorf alles, was eine Stimme und ein Maul habe, wider ihn rede, sagte Tobler, indem er sich an den Tisch setzte. Solche Rangen! Damit jeder Beliebige bald mit Fingern auf ihn, den Erzieher und Vater, deuten dürfe und sagen dürfe, die Jungen machen's halt wie der Alte. So wie man nur einen Fuß ins Haus setze, springe einem eine Widerwärtigkeit entgegen. Da solle einer noch den Mut haben, zu hoffen, es sei irgend eine Wendung zu Besserem möglich. Mit den eigenen Kindern sei man gestraft. Das komme, weil man sich verpflichtet glaube, sie ordentlich zu halten, zu kleiden und zu ernähren. Der Teufel auch. Barfuß mußten sie ihm nächstens zur Schule gehen, die Spitzbuben, und trockenes Brot zu essen haben statt Fleisch. Er werde einen andern Takt einführen. Aber das sei gar nicht nötig, es mache sich bald von selber. Wenn bald nichts mehr werde zu essen da sein, wolle er sehen, daß diese seine Brut ganz anders sich aufführe.
Er versündige sich, und es genüge jetzt, sagte Frau Tobler.
Tobler führte kein anderes Regiment in seinem Hause ein, Taktstock und Tonart blieben dieselben im Abendstern. Der Dirigent hatte zu viel anderes im Kopf, und der Hülfsdirigent war eine zu bescheidene, zu zufriedene Natur. Dem brauchte man ja nicht einmal die längst verfallenen Gehälter auszubezahlen. Der nahm mit der Idylle vorlieb, mit dem, was da war. Wolken und Winde flogen auch um das Haus Tobler noch herum, und so lange diese Gebilde Lust hatten, dazubleiben, mochte es den Gehülfen auch nicht ans Fortgehen mahnen.
Eines Tages schneite es. Erster Schnee im Jahr, wie bist du nur so erinnerungsreich anzuschauen. Altes Erlebtes fliegt mit dir stürmisch dem Erdboden zu. Die Gesichter von Vater und Mutter und Geschwistern lösen sich deutlich und vielsagend von deinen nassen, weißen Schleiern ab. Es wird einem so ernst und so lustig zumut, wenn du daherkommst, mit deinen unzähligen Flocken. Man glaubt, du seiest ein Kind, ein Bruder oder eine liebe, zaghafte Schwester. Man hält die Hand hin, um dich aufzufangen, nicht dich ganz, sondern nur kleine Stücke von dir. Der Kübel, der dich auffangen wollte, müßte breit und groß sein, wie die Erde. Lieber, erster Schnee, schneie! Es macht sich ganz prachtvoll, das weiche Ding, das du da über Toblers Haus und Garten in aller Stille breitest. Frau Tobler ruft erstaunt aus: »Es schneit!« Die Kinder kommen mit Geschrei und mit Flocken in den geröteten Gesichtern und mit Schneestücken in den Haaren in die warme Stube hinein. Da wird Pauline im Garten bald Wege in den Schnee hineinscharren und fegen müssen, damit Herrn Toblers Füße und Schuhe nicht allzu naß werden.
Tobler schickte auch seine Buben noch nicht barfuß zur Schule. Solch eine Verordnung hatte ihre guten Wege. Auch zu essen gab es noch immer in der netten Villa trotz des wilden Schneegestöbers und trotz Kälte und Nässe. Joseph zog seinen Überzieher an, wenn er zur Post lief, es war ein geschenkt bekommener, aber er gab trotzdem warm und kleidete hübsch. Frau Tobler bat den Gehülfen, ihr aus dem Dorf etwas zum Lesen mitzubringen, das Lesen fange an in die langen Nächte ganz gut zu passen. Jassen könne man auch nicht jedesmal nach dem Abendessen. Joseph ging in die Gemeindebibliothek und holte und brachte Lesestoffe. Die Mädchen gingen in kleinen, roten, dicken Überkleidern in den Schnee hinaus, mit Schlitten, um den Hügel hinunterzufahren, aber es ging noch nicht recht, der junge Schnee war zu naß und saß nicht fest genug auf der steinigen Erde. Leo, der Hund, half mit sich umherzutummeln.
Wie doch alle vier Jahreszeiten ihren besonderen Geruch und Ton haben. Den Frühling meint man, wenn man ihn sieht, nie so gesehen zu haben, nie so besonders. Im Sommer ist einem die Sommerüppigkeit jedes neue Jahr neu und zauberhaft. Den Herbst hat man sich früher nie recht angeschaut, erst dieses Jahr, und im Winter ist wieder der Winter ganz neu, ganz, ganz anders wie vor einem oder vor drei Jahren. Ja, auch die Jahre haben ihre eigene Note und ihren eigenen Duft. Das Jahr da und da zugebracht zu haben, heißt es erlebt und gesehen haben. Orte und Jahre sind eng miteinander verbunden, und erst Ereignisse und Jahre? Die Erlebnisse können ein Jahrzehnt ganz neu färben, wie mehr und wie rascher ein kurzes Jahr. Ein kurzes Jahr? Joseph ist mit diesem Ausspruch keineswegs zufrieden. Soeben ist er vor der Villa gestanden und hat, in Gedanken verloren, gesagt: »Solch ein Jahr, wie lang und wie voll ist es doch.« –
Und das Lange war ihm nicht rasch vorübergegangen, erst als er an dasselbe dachte, schien es ihm Flügel, Federn und Flaumesleichtigkeit gehabt zu haben. Es war nun Mitte November, aber wenn er es sich recht überlegte, so hatte er schon im Mai der Welt diese Miene und diese Manieren und diese Gedanken gezeigt. Er hatte sich, wie seine Freundin Klara sagte, wenig verändert.