»Wer war das?« fragte er.

»O,« sagte sie, »der Bauunternehmer, der, der die Grotte gemacht hat. Er will Geld. Ich habe ihn aber, wie Sie soeben werden gehört haben, in die Schranken zurückgewiesen.«

Sie sagte nicht, in was für Schranken. Aber ob sie es nun gesagt oder nicht gesagt hatte, jedenfalls hatte der Gehülfe nicht mehr den Mut, sie eine Rabenmutter zu schelten.

Er hätte auch ebenso gut ans Telephon gehen können. Ob er es denn nicht klingeln gehört habe? Nein? Dann solle er doch immer die Bureautüre ein wenig offen stehen lassen, dann werde er es schon hören.

Joseph hatte es ganz gut klingeln gehört, aber er war zu träge gewesen und er hatte gedacht: »Die kann jetzt auch einmal telephonieren. Das schadet dem Hochmutston nichts.«

Walter kam und erzählte, wie Edi, sein Bruder, einem Bärenswiler Herrn die Zunge ausgestreckt, und die lange Nase gemacht habe. Edi sei in des Mannes Garten gedrungen, um Birnen zu nehmen, er sei aber überrascht worden und habe eine Ohrfeige gekriegt. Aus der Ferne habe dann Edi dem Mann allerhand Schimpfwörter nachgerufen.

Das müsse sie ihrem Mann sagen, meinte Frau Tobler.

»An Ihrer Stelle, Frau Tobler«, warf Joseph ein, »würde ich selber den Knaben bestrafen, meinetwegen hart, aber ich würde es niemals ›meinem Mann‹ sagen. Erstens ist Herr Tobler jetzt, wie ja Sie am besten wissen, mit anderweitigen Dingen genug beschäftigt, und zweitens sind Sie doch Edis Mutter und können gewiß ebenso gut wie Ihr Mann die Strenge, womit der Schlingel bestraft werden soll, messen. Hört Herr Tobler heute abend wieder, wie nun schon so oft, solcherlei Klagen aus Ihrem Munde, so dürfte er leicht außer sich geraten, und die Strafe wird nur zu leicht eine grausame, aber keine gerechte sein. Denken Sie doch, gnädige Frau, in welche Wutstimmung Sie Ihren Mann versetzen, wenn Sie ihn mit derartigen, in der Tat nicht sehr gewichtigen Dingen, in dem Moment belästigen, den er dazu benutzen will, wieder ein wenig im Kreise seiner Familie von seinen Geschäften und Gelderwerbsplänen auszuruhen, und Sie werden mir, so sehr Sie auch geneigt sind, mich für Ihren Kränker zu halten, recht geben. Verzeihen Sie mir. Ich habe im Interesse des Hauses Tobler gesprochen, ich liebe dieses Haus, ich habe den Wunsch, hier nur nützlich zu sein. Sind Sie mir böse, Frau Tobler?«

Sie lächelte und schwieg, indem sie es scheinbar für überflüssig fand, ein Wort zu erwidern. Sie ging in die Küche hinaus, er ins Bureau hinunter.

Herr Tobler kam zum Abendessen nach Hause, was selten geschah. Wie es gehe zu Hause, fragte er mit dunkler, gepreßter Stimme, er befand sich in übler Laune. Joseph fühlte sich sogleich unbehaglich beim Klang dieser Stimme. Diese Stimme, welchen Eindruck sie auf ihn machte! Mußte denn Tobler gerade zum Essen heimkommen, um zu konstatieren, wie sein Gehülfe es sich wohl schmecken ließ? Der Appetit verging ihm beinahe, und er nahm sich vor, gleich nach dem Essen noch rasch zur Post ins Dorf zu springen. Tobler hatte seinen Überzieher mühsam abgelegt. Joseph dachte bei sich, vielleicht wäre es gut getan gewesen, wenn er vom Platz aufgesprungen wäre und dem Herrn geholfen hätte, aus dem Mantel herauszukommen. Das würde womöglich Toblers schlechte Laune, die man ihm anmerkte, bedeutend gebessert haben. Warum nur so wenig zuvorkommend? Ob ihm das an der Mannesehre geschadet hätte? Schöne Ehre, dazusitzen und ängstlich zu hoffen, es werde keine Szene geben. Toblers Auftreten ließ Joseph immer Szenen befürchten. Ja, dieser Mann hatte etwas so Zurückgebändigtes an sich, etwas dick und rot Aufgehäuftes, etwas innerlich Knatterndes und leise Krachendes. Das sah aus, als ob es jeden Moment losbrechen möchte. Und da war es denn wirklich nicht angebracht, an Ehrverletzung zu denken, da tat man einfach das Gute, das Notwendige und das Zornesausbruch-Verhütende. Man zog einen Überzieher aus, und der ganze Familienabend konnte gerettet sein. Tobler konnte ja so entzückend kameradschaftlich werden, wenn er bei Laune war. Geradezu freigebig. Aber Joseph hatte sich geschämt, artig zu sein, und noch etwas, die Frau tat jetzt, als ob er an einem Schnürchen mechanisch wäre aufgezogen worden, den Mund auf und erzählte in aufreizendem Tone die Geschichte und Sünde Edis.