Nein, geistlos war er vielleicht keineswegs, das ist übrigens nicht so rasch irgend ein gesundgeborener Mensch. Aber er hatte so etwas Körperbevorzugendes an sich. In der Schule, er erinnerte sich öfters lebhaft daran, war er ein guter Turner. Er liebte das Gehen über Land, das Steigen auf Berge, das Abwaschen von Küchengeschirr. Er hatte letzteres zu Hause als Knabe getan und dabei seiner Mutter Geschichten erzählt. Arme- und Beinbewegungen empfand er als etwas Köstliches. Das Baden in kaltem Wasser war ihm lieber als das Nachdenken über hohe Dinge. Er schwitzte gern, das ließ unter Umständen tief blicken. War er der geborne Ziegelsteinträger? Hätte man ihn an einen Karren spannen sollen? Herkules war er jedenfalls nicht.

Ja, er hatte schon Geist, wenn er nur wollte, aber er machte zu gern Pausen im Denken. Als er eines Tages mitten im Dorf Bärenswil einen Mann sah, der Säcke schleppte, dachte er sogleich, das tue er auch, sobald Tobler ihn fortjage. Das war im Hochsommer gewesen. Und jetzt ist es Herbstende und man hängt Vorfenster an.

Nach Beendigung dieser Arbeit gab es jungen Wein zu trinken. Auch war es schon Nacht und Abendessenszeit. Die Unterhaltung am Tisch war sehr lebhaft, man blieb sitzen, nachdem alle schon längst mit Essen fertig geworden waren. Der Mann der Waschfrau, ein einfacher Fabrikarbeiter, fand sich ein. Frau Tobler lud ihn zu einem Glas Sauser ein, er setzte sich mit an den Tisch, und bald gab er ein fröhliches Lied zum besten. Es wurde ihm immer von neuem eingeschenkt, auch die andern tranken viel. Zu Bett mit euch, Kinder! rief nach einer Stunde Frau Tobler. Pauline trug Dora auf dem Arm von einem zum andern, um gute Nacht zu sagen. Die Waschfrau bewies, daß sie ein drolliges, schnellläufiges Mundwerk hatte, sie erzählte in einem fort Dorfgeschichten, Liebes- und Schauergeschichten. Der Mann fing wieder an zu singen. Seine Frau wollte es ihm verbieten, denn was er sang, war sehr frei, aber Frau Tobler sagte, er solle nur singen, was ihm einfalle, die Kinder seien ja jetzt fort, und ihnen andern allen könne ein ausgelassenes Wort nicht viel schaden, sie selber höre so etwas auch gern einmal an. Der Zauber des Weines legte dem schwärzlich anzuschauenden, einäugigen Gesellen tolle Reimereien auf die Lippen. Es wurde unbändig gelacht, am meisten von Frau Tobler, die »profitieren« zu wollen schien, da sie in den letzten Wochen zu ihrem Kummer fast gar keine Geselligkeiten genossen hatte. Wenn es keine feinen Leute waren, die ihr heute abend Gesellschaft leisteten, so waren es doch fidele. Arme Leute, aber aufrichtig fühlende. Außerdem empfand sie, sie konnte selber kaum sagen, aus welchem Grunde, das Bedürfnis, einmal recht ausgelassen zu sein, derart, daß sie Vergnügen fand, die Gläser immer wieder neu zu füllen, bis es Mitternacht wurde. Joseph war betrunken, er lallte und war nahe daran, unter den Tisch zu sinken. Die andern hielten sich besser. Frau Tobler hatte sich überhaupt mehr dem Genuß des Gespräches und des Lachens hingegeben als dem des Trinkens. Der Arbeiter aber schien ungeheuer viel vertragen zu können. Joseph stolperte eben die Treppe hinauf, um in sein Zimmer zu gelangen, als Tobler erschien mit der ärgerlichen Frage, warum wieder einmal die Verandalampe nicht gebrannt habe. Im Garten draußen sei es stockdunkel, da könne einer ja Arm und Beine brechen. Er sah, was im Wohnzimmer vorging. Frau und Mann aus der Nachbarschaft waren aufgestanden. Ein wenig später sagten die Leute schüchtern gute Nacht und gingen. Was das für eine Wirtschaft hier sei? fragte Tobler seine Frau. Diese konnte nur noch lachen und deutete mit dem Finger auf den Angestellten, der mit der einfachen Schwierigkeit kämpfte, die Treppe emporzugelangen. Der Herr war müde, so sagte er nicht viel. »Gesausert« war worden, es war ein wenig unschicklich, aber es war kein Verbrechen.

Am andern Morgen stand Joseph etwas früher auf und arbeitete extra fleißig, er empfand Gewissensbisse und fürchtete sich vor der Begegnung seines Meisters. Aber es wurde ihm weder ein Ohr abgerissen noch flog etwas um seinen Kopf herum. Tobler war freundlicher und vertraulicher als je, ja, er machte sogar Witze.

Im Laufe des Tages gestand der Gehülfe Frau Tobler, daß er sich gefürchtet habe. Sie schaute ihn groß an, als begreife sie irgend etwas an ihm nicht und sagte:

»Sie sind ein sonderbares Gemisch von Feigheit und Kühnheit, Joseph. Auf die schmalen Gesimse zu treten und mitten im Spätherbst in den See hinauszuschwimmen, das tun Sie ohne die mindesten Furchtgedanken. Auch eine Frau können Sie beleidigen, ohne stutzig zu werden. Wenn es aber gilt, vor dem Herrn und Vorgesetzten einen ganz unschuldigen Fehler zu vertreten, so fürchten Sie sich. Da ist man ja wahrhaftig gezwungen, anzunehmen, entweder Sie sind Ihrem Herrn sehr zugetan, oder aber, Sie hassen ihn heimlich. Was soll man glauben? Was soll ein so scharfausgeprägter Respekt eines Mannes vor einem andern Mann bedeuten? Gerade jetzt, wo es um die äußere Weltlage Toblers schlecht steht, muß es einen wundern, Sie diesen Mann in so zarter Weise hochachten zu sehen. Ich bin noch nicht klug aus Ihnen geworden. Sind Sie großherzig? Sind Sie ein Niedriger? Gehen Sie arbeiten. Ich soll nicht heftig werden und bin es doch Ihnen gegenüber. Und fürchten Sie sich in Zukunft nicht mehr vor meinem Mann, er hat noch keinem Menschen den Kopf abgebissen.«

Das war im Wohnzimmer gesprochen worden. Etwas später überraschte Joseph die Frau oben an der Türe ihres Schlafzimmers, sie hatte dieselbe zufällig offen stehen lassen, im Negligé. Sie stand, ohne an etwas zu denken, mit entblößten Armen neben dem Waschtisch und war mit dem Ordnen der Haare beschäftigt. Als sie Joseph hörte und sah, stieß sie einen Schrei aus und warf die Türe zu. Welche herrlichen Arme! dachte der Gehülfe und ging die Treppe weiter hinauf. Er hatte oben auf dem Boden etwas aus altem Gerümpel hervorzusuchen. Statt das was er suchte, fand er ein Paar alte Schaftstiefel von Tobler, die augenscheinlich nicht mehr benutzt wurden. Er schaute diese hohen Stiefel unverhältnismäßig lange an, bis er in Lachen ausbrach ob seiner Gedankenabwesenheit.

Da erschien Silvi auf dem Estrich, sie trug Wäsche in der Hand, die sie hier oben abzulegen hatte. Sie blieb vor Joseph stehen und betrachtete ihn, als ob sie ihn überhaupt noch nie gesehen hätte. Was für ein Kind! Dann legte sie ihre Sachen ab, aber statt hinunterzugehen, stöberte sie, und zwar scheinbar ohne viel Vernunft, in einer offenen Kiste herum und richtete an den ihr zuschauenden jungen Mann allerhand unverständliche Fragen. Silvis Anblick wurde demselben rasch unerträglich und er ging hinunter.

Im Bureau: »Frau Tobler wundert sich über mein Betragen. Dagegen möchte ich mich fast über das ihrige verwundern. Wie kommt sie dazu, solche Worte zu mir zu sagen, sie, die unselbständige Frau, die Mutter Silvis? Gleich werde ich gehen und es ihr ins Gesicht hineinsagen, was für eine Rabenmutter sie ist. Ich bin zwar nur der Angestellte des Hauses Tobler. Dieses Haus aber wankt, mag denn auch meine Lebensstellung wanken.«

Neben der Wohnzimmertüre stand Frau Tobler und sprach mit großer Erregung ins Telephon hinein. Offenbar handelte es sich wieder einmal um eine unangenehme Sache. Ihr Rücken zitterte und die Schultern hoben und senkten sich stürmisch. Sie sprach streng und gebieterisch. Sollte der andere Sprecher ein unverschämter Gläubiger sein? Ihre Stimme klang so hoch, daß sie in den eigenen Tönen und Bändern zu zerreißen drohte. Endlich war sie fertig. Sie zeigte Joseph ein ebenso stolzes wie schmerzvolles Gesicht. Sie hatte während des Sprechens geweint.