»Wie lebt sich's denn hier. Bekommen Sie gut zu essen?«

»Ausgezeichnet!«

Es bleibe ihm also, meinte sorgenvoll der Verwalter, nach allem was gesprochen worden sei, nichts anderes übrig, als Herrn Tobler auf gerichtlichem Wege zu betreiben.

»Tun Sie das,« sagte Joseph. Der Verwalter griff nach dem abgeschabten Hut, schaute den Gehülfen väterlich an, gab ihm die Hand und ging.

Joseph nahm ein Stück Papier zur Hand und schrieb, da er sich weiter mit nichts Wichtigerem beschäftigt sah, folgendes darauf:

Schlechte Gewohnheit.

Eine solche ist das Bedürfnis, gleich alles zu bedenken, was mir Lebendiges vorgekommen ist. Das kleinste Begegnis erregt in mir eine sonderbare Denklust. Eben ist ein Mann von mir weggegangen, der mir um der Erinnerungen willen, die mit seiner alten, armen Gestalt verbunden sind, lieb und bedeutend ist. Ich glaubte etwas vergessen, verloren, oder nur liegen gelassen zu haben, als ich in sein Gesicht schaute. Ein Verlust prägte sich sogleich meinem Herzen ein und ein altes Bild meinen Augen. Ich bin vielleicht ein etwas überspannter, aber ich bin auch ein genauer Mensch. Ich empfinde die kleinsten Verluste, ich bin in gewissen Dingen peinlich gewissenhaft, und nur ab und zu muß ich mir wohl oder übel gebieten: Vergiß das! Ein einziges Wort kann mich in die ungeheuerste und stürmischste Verlegenheit setzen, ich bin dann von dem Gedanken an dieses scheinbar Winzige und Nichtige erfüllt, durch und durch, während die Gegenwart, wie sie treibt und lebt, für mich unerklärlich geworden ist. Diese Momente sind eine schlechte Gewohnheit. Auch dies ist eine schlechte Gewohnheit, das was ich da mache, Gedankenaufnotieren. Ich gehe jetzt zu Frau Tobler. Vielleicht hat sie eine Arbeit häuslichen Charakters für mich. –

Er warf das Geschriebene in den Papierkorb und verließ das Bureau. In der Tat harrte seiner eine häusliche Arbeit, die darin bestand, die für den Winter bestimmten Vorfenster aus der Bodenkammer hinunter in den Keller zu tragen, wo sie geputzt und gewaschen werden mußten. So zog er denn gleich seinen Rock aus und schleppte Fenster hinunter. Frau Tobler war erstaunt über seinen feurigen Diensteifer, und die Waschfrau, die inzwischen putzte, sagte zu ihm, er sei etwa noch einer, den man ein bißchen zu allem brauchen könne. Sie hängte dem Lob eine Lehre an und bemerkte mit ihrer rauhen Stimme, das sei heutzutage, wo die Welt immer unsicherer und veränderlicher werde, beinahe notwendig, daß junge Leute lernten, sich in alles zu schicken. Ein Schaden sei es für einen jungen Mann jedenfalls nicht, wenn er auch mit den verachteten und geringen Dingen umzugehen wisse.

Nachdem die Fenster gewaschen waren, mußten sie in die Zimmer getragen, und in die richtigen Fensteröffnungen ordentlich hineingehängt werden. Frau Tobler ermahnte den Gehülfen zur Vorsicht, stund dabei und sah ein wenig ängstlich seinen Aushänge-Bewegungen zu, die ihr manchmal zu kühn vorkamen. »Wie gut dieser Frau der Ausdruck des Bangens steht,« dachte der Fensterarbeiter und war sehr zufrieden mit sich.

Das war vielleicht auch so eine schlechte Gewohnheit von ihm, daß er zufrieden, ja glücklich war, sobald es ihm vergönnt wurde, körperlich zu arbeiten. Strengte er denn wirklich seinen Geist, die bessere Menschenhälfte, so ungern an? War er zum Holzhauer oder zum Kutscher geboren? Hätte er in Urwäldern oder auf Meerschiffen als Matrose leben sollen? Schade, daß es in der Nähe von Bärenswil keine Blockhäuser zu bauen gab.