Es war der Verwalter des hauptstädtischen Stellenvermittlungsbureaus, der Mann, dem der Gehülfe seine Stelle zu verdanken hatte, ein sonderbar verwilderter Herr, der aber, wie es schien, die demütigsten und sanftesten Manieren hatte. Die Herren begrüßten sich gegenseitig freundschaftlich, beinahe brüderlich, obschon ein bedeutender Altersunterschied sie trennte. Das gleichsam zerzauste und zerfetzte Gesicht des Verwalters ließ Joseph an längst überstandene Dinge denken. Eine armselige Schreibstube tauchte vor seinen inneren Augen auf, sich selber sah er dort an einem Pult sitzen, dann sah er den Herrn Tobler zur Tür eintreten, den Verwalter vom Platz aufstehen, wie er sich umguckte nach dem passenden Menschen, der diesem Herrn Tobler dienen konnte. Wie weit das alles schon zurücklag.
Was denn den Herrn Verwalter nach Bärenswil hinaufgeführt habe?
Der ältliche Mann, indem er sich im Bureau nach allen Seiten umschaute, sagte, er komme vor allen Dingen lediglich aus bloßem Interesse, damit er sich einmal den Ort ansehe, an welchem es, wie es scheine, Joseph gefalle. Es sei heute in der Schreibstube gerade ein schläfriger Tag gewesen, keinerlei Aufträge, da habe er sich eben in den Zug gesetzt und sich den kleinen Ausflug gestattet. Aber ganz nur neugierdehalber komme er auch nicht, er verbinde gerne mit dem Genußvollen das Nützliche und Notwendige, und so möchte er sich denn die Frage erlauben, warum ihm bis heute noch nicht einmal, trotzdem er wiederholt Mahnbriefe geschrieben habe, der Betrag, den die übliche Vermittlungsgebühr ausmache, eingesandt worden sei. Ob seine Briefe und Mahnungen nicht eingetroffen seien?
»Ja, die sind angekommen, aber es ist kein Geld da, Herr Verwalter,« antwortete Joseph.
»Wie? Und nicht einmal für einen so geringen Betrag?«
»Nein!«
Der Verwalter machte ziemlich nachdenkliche Augen und frug, ob Herr Tobler zu sprechen sei. Joseph sagte:
»Herr Tobler ist während all dieser Tage für Menschen, die Geld von ihm haben wollen, unter keinen Umständen zu sprechen. Hiefür bin ich da, sein Angestellter. Wollen Sie sich nicht einen Moment, bitte, setzen, Herr Verwalter. Sie werden sich zehn Minuten ausruhen und alsdann wieder gehen. Bei aller Hochschätzung vor Ihnen bin ich gezwungen, Ihnen zu sagen, daß man hier im Hause Tobler die Leute, die bei uns etwas zu fordern haben, sehr ungern sieht. Sowohl Frau wie Herr Tobler haben mir den bestimmten Befehl erteilt, mit Erscheinungen solcher Gattung kurzen Handel zu machen, mich mit ihnen in keine Gespräche einzulassen, sondern sie kühl abzuweisen. Sie selber, Herr Verwalter, haben mir damals, als ich Ihnen vor dreieinhalb Monaten in der Schreibstube adieu sagte, um mich nach Bärenswil zu begeben, anempfohlen, mich als treuen, gehorsamen und fleißigen Mann zu erweisen, damit man mich brauchen könne und mich nicht nach einem halben Tag schlechtbestandener Probezeit wieder fortjagen müsse. Sie sehen, ich bin heute noch da, ich scheine mich also zu bewähren. Ich habe mich in die hiesigen, eigenartigen Verhältnisse hineingefunden, und ich glaube, ich passe in diese Verhältnisse.«
»Wird Ihnen denn auch Ihr Gehalt ausgezahlt?« fragte der Verwalter. Der Gehülfe sagte:
»Nein, und das gehört allerdings zu den Punkten, die mir nicht recht gefallen. Ich habe hierüber schon mehrmals mit Herrn Tobler sprechen wollen, aber jedesmal, wenn ich den Mund habe auftun wollen, um meinen Vorgesetzten an diese, wie ich wohl habe empfinden müssen, für ihn nicht gerade angenehme Sache zu erinnern, ist mir der Mut, zu reden, vergangen, und ich habe dann jedesmal zu mir gesagt: Du verschiebst es! Und ich lebe ja, auch ohne Gehalt, heute noch.«