»Was?« fragte sie.
Sie schloß ihr Buch und schaute nach dem Angestellten hinüber, der ihr, wie es schien, etwas Besonderes zu sagen hatte. Aber es verging eine halbe Minute des Schweigens. Endlich sagte Joseph zögernd, er sei unvorsichtig. Da habe er ihr etwas ganz Bestimmtes sagen wollen. Er habe bemerkt, daß sie eben mit Lesen scheinbar fertig geworden sei, und daß sie, wie er noch jetzt sehe, einen gutmütigen Gesichtsausdruck zur Schau trage. Plötzlich sei ihm der Gedanke gekommen, die Gelegenheit, die er schon lang gesucht habe, zu ergreifen, und sie anzusprechen, und nun fehle ihm wieder einmal der Mut, das zu sagen, was er habe in den Mund nehmen wollen. Nun sehe er selber ein, was Frau Tobler schon vor Wochen einmal zu ihm gesagt habe, nämlich, daß er ein komischer Mensch sei. Das was er habe sagen wollen, sei dumm und gar nicht des Anhörens wert. Sie solle ihm erlauben, schweigen zu dürfen.
Die Frau runzelte die Stirn und ersuchte den Gehülfen, sich näher zu ihr zu setzen und zu reden. Sie begehre zu wissen, was er habe sagen wollen. Man rede nicht mir nichts dir nichts die Menschen an, um sie auf Dinge neugierig zu machen, die dann nicht kämen. So etwas sei feig oder gedankenlos. Sie höre.
Joseph hatte sich auf ihr Geheiß an den Tisch gesetzt und sagte, das, was er zu berichten habe, handle von der Silvi.
Frau Tobler schwieg und senkte die Augen. Er fuhr fort:
»Erlauben Sie mir, gnädige Frau, Ihnen rund herauszusagen, wie abscheulich mir die Behandlungsweise vorkommt, die man für dieses Kind übrig hat. Sie schweigen. Gut, ich nehme das als einen Wink, den mir Ihre Güte erteilt, fortzufahren. Sie begehen ein großes Unrecht an dem kleinen Wesen. Was soll aus diesem Geschöpfchen später werden? Wird es je den Mut und die gehörige Lust haben, den Mitmenschen ein menschliches Betragen zu zeigen, da es sich erinnern wird und erinnern muß, daß man es in seiner Jugend unmenschlich erzogen hat? Was ist das für eine Erziehung, ein Kind einer rohen und dummen Magd, einer Person, einer Pauline auszuliefern? So etwas müßte die Klugheit verbieten, auch dann noch, wenn es die Lieblosigkeit zugibt. Ich rede so, weil ich darüber nachgedacht habe, weil ich so manchen Tag gesehen habe, was mir aufrichtig weh getan hat, und weil ich in mir den Drang, Ihnen, Frau Tobler, zu dienen, so viel ich vermag, verspüre. Ich bin grob, nicht wahr? So sind eben zuweilen komische Menschen. Doch nein. Ich möchte ganz anders zu Ihnen reden. Es paßt sich nicht so. Ich habe schon zu viel gesagt, und es kommt heute kein Wort mehr über meine Lippen.«
Es herrschte eine minutenlange Stille im Zimmer, endlich sagte Frau Tobler, ihr sei schon lange auch der Gedanke gekommen, man habe Ursache, sich wegen Silvi Vorwürfe zu machen. Das alles komme ihr übrigens jetzt so sonderbar vor. Der Gehülfe aber brauche keine Angst zu haben, sie verzeihe ihm die soeben gesprochenen Worte, sie sehe ja, er meine es gut.
Sie schwieg wiederum. Später bemerkte sie, sie liebe eben das Kind nicht.
»Warum nicht?« fragte Joseph.
Warum nicht? Das komme ihr wie eine dumme, unüberlegte Frage vor. Sie liebe eben Silvi nun einmal nicht und möge sie nicht ausstehen. Ob man sich denn zur Liebe und zum Wohlwollen zwingen könne, und was das für ein Gefühl sei, solch ein erzwängtes und hervorgewürgtes? Was sie dafür könne, wenn es sie mit eisernen Schlägen und Hämmern von der Silvi fortjage, sobald sie sie nur von weitem erblicke? Warum gerade Dora ihr so süß sei? Das wisse sie nicht und begehre sie auch gar nicht zu erfahren, und wenn auch; würden ihr die treffenden Antworten auf solche, wie ihr scheine, überflüssigen und aussichtslosen Fragen je zufallen können? Das sei schwer. Ja, sie wisse wohl, daß sie Unrecht begehe. Schon als ganz kleines Kind habe sie Silvi, sonderbar genug, zu hassen angefangen. Ja, hassen, das sei das richtige Wort, es bezeichne das Gefühl, das sie mit dem Kind verbinde, ausgezeichnet. Sie wolle probieren, in den nächsten Tagen, ob sie sich ihm wieder ein wenig mit dem Herzen anschließen könne, aber sie hoffe wenig von solchen Versuchen, Liebe lasse sich nicht erlernen, die habe man und empfinde man, oder man habe und empfinde sie nicht. Sie nicht haben, das heiße, glaube sie, ebenso viel wie: sie nie haben. Aber sie wolle versuchen, und nun wünsche sie, zu Bett zu gehen, sie fühle sich recht müde.