Als die vier Kinder fort waren, wurde ein »Jaß« angefangen. Der Gehülfe hatte jetzt schon eine ziemlich bedeutende Geschicklichkeit in der Übung dieses Spiels erlangt, er bewies dieselbe und gewann fast fortwährend, was ihn veranlaßte, ganz besonders vorsichtig seine Worte zu wählen, da er die Gereiztheit, die in der Frau bei Spielverlusten hervorzubrechen pflegte, genau kannte. Sie spielten eine Stunde lang, von Zeit zu Zeit wieder an den Rotweingläsern nippend, wie am Vorabend. Plötzlich sagte Frau Tobler, indem sie das Spiel unterbrach:
»Wissen Sie es schon, Marti, daß mein Mann mich zu meiner Schwiegermutter schickt? Ja, es ist so, und ich werde mich morgen früh auf die Bahn begeben, um ihr einen Besuch zu machen. Wir müssen ja jetzt das Geld haben, sonst sind wir verloren, und sie schickt nichts. Sie ist sehr geizig, wenigstens hält sie ihre Gelder scharf beisammen. Sie werden sich denken können, wie unangenehm mir eine solche Fahrt jetzt ist, aber es muß sein. Diese Frau, die ich schon so lange nicht mehr gesehen habe, die ich kaum recht kenne, werde ich bitten müssen, ja Marti! Und sie wird kalt zu mir sein, von oben herab, das fühle ich nur zu deutlich. Es wird so leicht für sie sein, mich zu kränken, mir weh zu tun, denn schließlich behandelt man ja eine Bettlerin nicht, wie man mit Glacéhandschuhen jemanden anrührt. Sie hat mich übrigens von jeher ein wenig ›auf dem Zug‹ gehabt, ich habe das immer empfunden. Als ob ich von jeher ihrem Sohn, meinem Mann, nur Unheil gebracht hätte. Und so wird sie mir jetzt natürlich entgegentreten: wie einer Sünderin. Sie wird mir die Kleider, die ich am Leib trage, vorwerfen, die unnötige Eleganz derselben, den unglaublich überflüssigen guten Schnitt. Nein, das neue Kleid werde ich schon nicht anziehen dürfen. Das hat auch keinen Zweck. Eine, die daherkommt, um zu heischen, soll schwarz gehen, ich werde das alte, schwarze Seidenkleid anziehen, das macht einen sehr unterwürfigen Eindruck. Ja ja, Joseph, Sie sehen, andere müssen sich auch zwingen und dulden und herabwinden zur Bescheidenheit. Es geht eben so, man weiß gar nicht, woher und wie und wieso so rasch. Diese Welt!« –
»Wir wollen hoffen, daß Sie Erfolg haben,« bemerkte der Gehülfe. Sie fuhr fort:
»Dafür schickt mich ja auch Tobler, weil er der Ansicht ist, daß seiner Mutter meine Erscheinung zu einem solchen schwierigen und heiklen Zeitpunkt angenehmer sein werde als die seinige. Sonst sehe ich allerdings nicht ein, warum er selber nicht hinfahren könnte. Ein Stück Bequemlichkeit seinerseits mag ja dabei sein. Die Männer nehmen gern die gemütlosen und trockenen Geschäfte auf sich. Wo es sich aber um ein persönlich-innerliches Opfer handelt, um eine Pflicht und Arbeit herzlichen Charakters, um rein seelische Überwindungen, da schieben sie lieber ihre Frauen vor die Front und sagen gewöhnlich: ›Geh du! Du machst das besser als ich!‹ was man dann noch als eine Art Gnade und Liebkosung aufzufassen beinahe gezwungen ist.«
Beide lachten. Frau Tobler nahm wieder das Wort:
»Ja, Sie lachen! Übrigens verbiete ich Ihnen das nicht. Lachen Sie nur. Ich habe ja auch gelacht, obschon es uns beiden eigentlich ernster zu Mut sein sollte. Ja, hoffen wir, daß ich Erfolg haben werde. Im übrigen, was rede ich da! Ich meinerseits habe diese Hoffnungen, die in bezug auf Toblers Geschäfte noch immer wieder Erfolge vorspiegeln, längst aufgegeben. Es ist jetzt einmal so: das Vertrauen in meines Mannes Geschäftstüchtigkeit ist in mir gründlich ins Schwanken geraten. Ich glaube jetzt überzeugt zu sein, daß er nicht genügend Raffiniertheit, nicht genügend Herzlosigkeit besitzt, um rentable Geschäfte machen zu können. Er hat in all dieser Zeit meines Erachtens nach nur den Ton dieser pfiffigen und schlauen Leute angenommen, das äußere Betragen, die Manieren, nicht aber zugleich die Fähigkeiten. Gewiß, es muß einer, der gute Geschäfte macht, deswegen kein Blutsauger und schlechter Kerl sein. Das ist noch lange nicht gesagt. Aber mein Mann ist zu temperamentvoll, zu rasch, zu gut und zu natürlich empfindend. Auch zu leichtgläubig ist er. Nicht wahr, Sie wundern sich, mich dermaßen reden zu hören, aber glauben Sie mir, wir Frauen, beständig an die Enge und an die Beschränktheit des Hauses gebunden, wir denken über mancherlei nach, und wir sehen auch manches und fühlen manches. Es ist uns gegeben, die Dinge ein bißchen zu erraten, da einmal die korrekten Wissenschaften unsere geschwornen Feindinnen sind. Wir verstehen es, in den Blicken und im Betragen zu lesen. Wir sagen seltsamerweise nie etwas, wir schweigen, denn wir drücken uns ja in der Regel so schlecht und immer so unpassend aus. Unsere Worte regen meistens die geschäftsüberladenen Männer nur auf, aber überzeugen nie. So leben wir Frauen dahin, erklären uns mit dem allermeisten, was um uns her und mit uns selber geschieht, einverstanden, reden nebensächliche Dinge, die uns immer stärker der Vermutung, daß wir kleine und untergeordnete Geister sind, aussetzen und sind immer zufrieden, ich glaube es wenigstens. Nein, mein Mann wird mit seinen Patenten auf keinen trockenen Zweig mehr kommen, der kleine Finger, der Schuh am Fuß, meine eigene Nase sagen es mir. Er lebt zu gern gut, und das dürfen eine Zeitlang Unternehmer nicht. Er ist zu wild, das schadet. Er liebt zu sehr seine eigenen Pläne, das untergräbt dieselben. Er ist ein viel zu heiterer Mensch, und er nimmt alles zu gerade, zu plötzlich, deshalb viel zu einfach. Er ist eine schöne, volle Natur, und solche Naturen reüssieren mit solchen Unternehmungen nie, oder fast nie. Nicht wahr, Marti, wie ich heute rede.«
Er schwieg und erlaubte sich ein unmerkliches Lächeln. Sie hatte schon wieder mit Reden angefangen:
»Meinen Karl fürchten die Menschen und hintergehen ihn zugleich und lachen ihn hinter seinem Rücken aus, denn sie gönnen gerade ihm merkwürdigerweise allen nur erdenklichen Schaden, und ich glaube deshalb, weil er seinen Wohlstand und sein Besitztum zu offen und zu ungeniert gezeigt hat, dermaßen, daß es ihnen in die Augen hat stechen müssen. Er ist immer naiv genug gewesen, vorauszusetzen, andere Leute hätten Freude an seiner Lebensfreude und Lust an der seinigen, was offenbar ein geradezu der richtigen Auffassung entgegengesetzter Standpunkt war. Er hat immer mit vollen Händen gegeben, das ist eine Schwäche gewesen, verzeihlich zum Beispiel in meinen Augen, aber unverzeihlich im Urteil derjenigen Menschen, die von ihm eben diese verschwenderischen Wohltaten genossen, mit einem Wort, die von ihm profitiert haben. Er hat seine besondere Art, ein bißchen barsch und laut zu sein, das nennt man jetzt, jetzt im Unglück, Prahlerei. Wäre er erfolgreich, so würde man zu derselben Gewohnheit sagen: Schneid! Ja. Nein, mein Mann würde viel besser getan haben, wenn er sich nie selbständig gemacht, sich nie auf eigene Füße gestellt, sondern sich in seiner bescheidenen Stellung als technischer Angestellter still gehalten hätte. Wir waren alle so wohl damals. Freilich hatten wir kein eigenes Haus, aber was bedarf es dessen, da doch nur Sorgen in solch ein eigenes Haus kommen? Nach Feierabend machten wir unsern stillen, hübschen Spaziergang rund um den Hügel. Es war zu schön, um es derart eigensinnig von sich wegzuwerfen, aber eines Tages wurde es eben weggeworfen.«
»Es kann noch alles gut kommen, Frau Tobler,« sagte Joseph. Diese Worte schlugen wie mit Flammen in ihr Gesicht. Sie rief:
»Sie sollen das nicht sagen. Das ist abscheulich. So redet man nicht zu der Frau des Geschäftsmannes, in dessen Bücher man tagtäglich hineinblicken kann. Auf diese Art soll man nicht schonen wollen und einer schwachen Frau das Herz mit Gewichten beladen. Wieso kann noch alles gut kommen? Gehen Sie zu den Bedrängern meines Mannes mit dieser fluchwürdigen Redensart. Sie haben mich wieder einmal unglücklich gemacht. Ich will gehen und versuchen, dies zu vergessen.«