Sie lief aus dem Zimmer.
Der Gehülfe dachte: »Was ist nun da wieder? Muß es bald jeden Abend eine heftige Szene geben? Bald bin ich unmutig, bald sie, bald wir beide, und bald kracht es wieder aus Toblers Gemüt heraus. Bald schreit die Silvi, bald bellt der Leo, bald ist wieder die Dora krank. Fehlte noch, daß wir alle zusammen eines Tages, Mittags oder Abends vollständig hinten hinüber schnappten. Dann gute Nacht schönes Haus Tobler! Aber soweit sind wir noch nicht. Wollen jetzt erst einmal die mütterlichen Gelder abwarten, und dann teilweise unsere Schulden bezahlen. So viel wie in diesem Hause ist mir in meinem ganzen sonstigen Leben der Kopf nicht gewaschen worden. Aber auch das mag gut sein. Übrigens! Habe ich etwa wieder einmal Angst? Bin ich unruhig? Nein, Gott sei Dank nicht. Tobler hat wohl heute wieder im Sinn, im ›Segelschiff‹ zu übernachten. Das gehört scheinbar auch zu meinen Berufspflichten, daß ich inzwischen hier seiner Frau Gesellschaft leiste. Die Arme! Warum hat sie keinen bessern Gesellschafter?«
Er löschte die Lampe und ging zu Bett.
Andern Tages, es war wieder mehr nasses als kaltes Wetter, und die Luft hing schwer herunter, sah man Frau Tobler, schwarzseiden gekleidet, den Gartenhügel hinabgehen, um sich zur Bahn zu begeben. Tobler begleitete sie ein Stück hinunter, sprach ihr zu, guten Mutes zu bleiben und sich nicht etwa wieder zu erkälten in der Eisenbahnwagenzugluft und dergleichen. Man sah von oben herab ein Lächeln im Gesicht der Frau, und ein Winken mit dem Taschentuch, das galt der Dora, die der Mutter ebenfalls nachwinkte. Wie naß alles war. Zu dieser Winterzeit hätte es eigentlich trockener und kälter sein können, dachte man, und dann verschwand Frau Tobler den Augen, die ihre Bewegungen bis zuletzt verfolgten. Es waren dies Josephs, Paulinens, Silvis, Doras, der Knaben und Leos Augen gewesen. Der Hund bellte traurig, wie er die Herrin fortgehen gesehen hatte.
Das Ganze glich, wenn einer sich auf seine romantische Einbildungskraft hätte versteifen wollen, dem Weggang einer Königin. Joseph, der Vasalle, hätte jetzt, wenn er einer jener aus alten Geschichten zu uns modernen Menschen hinübergrüßenden getreuen Untertanen gewesen wäre, bitterlich weinen müssen, während die Kammerfrau Pauline ein Wehgeschrei ausgestoßen haben würde, wenn sie eine von denjenigen gewesen wäre, die in alten Zeiten schöne und hohe Königinnen, wie die Geschichten lehren, bedient haben. Und der Hund wäre vielleicht ein Drache gewesen, und die Kinder Königskinder und Herr Tobler der wuchtigen Rittergestalten eine, die früher immer dabei waren, wenn es solche traurige Abschiede für immer gab, als es noch Schlösser, Burgen, Stadtmauern und Tränen der Treue gab. Doch nein. Hier war es ja ganz anders.
Hier handelte es sich nicht um eine immerwährende Verbannung auf eine öde Felseninsel, sondern nur um eine Tagesreise per Eisenbahn und um einen praktischen und ein wenig unangenehmen Besuch. Auch eine Königin kam hier nicht vor, es sei denn, man hätte Frau Tobler als die sorgenvolle Königin des Hauses zum Abendstern empfunden, was so ganz apart und wunderlich nicht hätte sein können. Auch keine düstere Heldengestalt, sondern nur ein modern gekleideter und beschaffener Herr Ingenieur Tobler gab der Dame ein Stück weit das Geleite, um ihr, auch nicht gerade Trost, sondern nur einige vernünftige Worte zuzusprechen. Und von einem besonders betrübten Knecht und Vasallen war hier ebensowenig die Frage und Rede als von einer noch fassungsloseren Kammerfrau. Joseph und Pauline, diese beiden Personen standen da, weiter niemand, außer den Kindern, und das waren weder Königs- noch Fürstenkinder, sondern schlichte, bürgerliche, wie sie jedes bessere Haus haben kann. Leo war kein Drache. Er würde eine solche mittelalterliche Zumutung vielleicht sogar bissig übel genommen haben. Alles in allem war es ein Bild des zwanzigsten Jahrhunderts.
Es werde sich nun bald zeigen, wessen man sich zu gewärtigen habe, meinte Herr Tobler, als er wieder ins Bureau zurückkehrte. Was ihn betreffe, er werde und müsse durchdringen. Jeder andere Gedanke sei lächerlich. Was er immer behauptet habe, das behaupte er auch heute, und heute erst recht.
Und er beschäftigte sich mit der Tiefbohrmaschine. Die Handelsabteilung schrieb einen Brief an den Tiefbauingenieur Joël, der sich, wie es schien, »gewaltig« für dieses Werk interessierte. Die Kinder spielten und rauften sich im Bureau. Tobler jagte sie hinaus. Später verließ er das technische Bureau selber und ging ins Dorf, des Automaten wegen.
Ein wenig später ging auch der Gehülfe weg und zwar zur Post. Auf dem Wege dahin wurden ihm von zwei Landarbeitern schimpfliche Worte nachgeschrien. Diese Bauernknechte schickten dem Angestellten nach, was sie dem Chef würden nachgebrüllt haben, wenn sie den Mut dazu gehabt hätten. Joseph kam ohne weitern Zwischenfall ins Dorf, auf die breitere Straße, und hier begegnete ihm der, den er eher im Gasthaus zum »Roten Haus« vermutet hätte, Wirsich.