»Frau Tobler, würden Sie mir erlauben, für heute nacht meinen Kameraden bei mir oben im Turmzimmer zu behalten? Wie ich denke, befindet er sich in Verlegenheit, wo er übernachten soll, es sei denn in der ›Rose‹ da unten, aber ich will mein Möglichstes getan haben, zu versuchen, daß man ihn verhindert, dort zu nächtigen. Wirsich hat soeben seine neue Lebensstellung verloren, durch eigene Schuld, das weiß er selber. Sein Geld hat er vertrunken. Wenn er sich nun in den See stürzt, so begeht er ein Ding, worüber wohlsituierte Leute leicht die Achseln zucken können, das aber schrecklich und nie wieder zu verbessern ist. Er ist ein Säufer und ein kaum noch zu rettender Mensch, ich spreche das hier, auch vor Ihnen selber, Wirsich, laut aus, denn es gibt vor Naturen, wie er eine ist, keinerlei Takt zu bewahren, weil überhaupt keine Haltung mehr da ist. Aber er muß nicht heute zugrunde gehen, und was mich betrifft, so nehme ich ihn als meinen besten Freund und Kameraden ungeniert in ein Haus mit, in dem ich als Arbeiter tätig, und als Bewohner vertraut bin. Ich werde jetzt noch ein wenig mit ihm ausgehen, denn es hat heute am Silvesterabend keinen Sinn, sich in ein Zimmer einzusperren, trocken und lustlos; ich gedenke im Gegenteil die Nacht mit meinem Vorgänger, daß ich es nur sage, ruhig und anständig zu durchzechen, denn so machen es heute ja alle Menschen, die glauben, es sich erlauben zu dürfen. Ich werde dann mit Wirsich hieher zurückkehren, um ihn bei mir oben übernachten zu lassen, mag Herr Tobler das nun übel nehmen oder nicht. Ich wollte Ihnen das, gnädige Frau, im voraus sagen. Vieles, was mich diese ganze Zeit über in Erregung hat versetzen können, begegnet in meinem Herzen hier jetzt, nachdem ich das Unglück meines Kameraden angeschaut habe, der gleichmütigsten und allerschönsten Ruhe. Ich wage es, dem kommenden Leben tief und sorglos und warm ins Auge zu blicken. Ich vertraue meinem bißchen Kraft aufrichtig, und das ist mehr, als wenn einer Wagenladungen voller Kräfte und Heuschober voll Fähigkeiten hätte, aber denselben nicht traute oder sie gar nicht kennte. Gute Nacht, Frau Tobler, Ihnen danke ich, daß Sie die Güte hatten, mich anzuhören.«

Frau Tobler sagte den beiden gute Nacht. Die Kinder kamen gerade in diesem Augenblick zurück. »Der Wirsich ist da,« riefen sie in heller, lustiger Freude aus. Er mußte allen die Hand geben, und alle, die dabeistanden, hatten das seltsame Gefühl, als habe jetzt Wirsich angefangen, wieder ein Glied des Hauses Tobler zu werden, oder als sei er während all dieser Zeit seiner Abwesenheit eins geblieben, als wäre er nur in ein anderes Zimmer gegangen und hätte dort ein etwas ausschweifendes, überspanntes Buch gelesen, als hätte seine Abschweifung nur eine Stunde oder zwei gedauert, so sehr sprach jetzt die Wiedersehensfröhlichkeit der Kinder für ihn.

Da wurde auch die Frau, die ein strenges und kaltes Gesicht hatte aufsetzen wollen, wieder leutselig und gewohnt-heiter, und sie sagte den beiden, die schon in den Garten hinaus getreten waren, sie sollten aber etwa auch ein bißchen aufs Maß schauen und mit Trinken und Feten nicht allzu hoch über die Schnur hauen. Daß Wirsich hier bei Toblers, wo er doch früher wie zur Familie gehört habe, übernachten könne, das verstehe sich von selber. Und sie werde mit ihrem Mann schon ein Wort reden, damit es keine Szene gebe.

»Gut' Nacht, Frau Tobler, adieu Dora, adieu Walter!« scholl es aus Josephs Mund nach dem Haus zurück.

Unten in seinem kleinen Haus sang der Bahnwärter ein Lied. Die warme Männerstimme wollte, wie es schien, ausgezeichnet in die milde Nacht hineinpassen. Das Lied klang so gleichmäßig und gleichtönend, daß man ihm, als man es hörte, zutraute, es werde noch über das alte Jahr hinaus ins neue hinein und hinüber tönen wollen.

Joseph Marti und Wirsich bewegten sich auf der Landstraße langsam gegen das Dorf zu.


Was diese zwei Neujahrskameraden in der Ortschaft und während der Nacht betrieben und taten, welche Wirtschaften sie aufsuchten, wie viele Gläser sie tranken, welche Art von Gesprächen sie zusammen führten, das zu beschreiben würde das Wichtige und Wesentliche in das Unwichtige und Unbedeutende hinüberschieben. Sie sprachen, was Kollegen zu sprechen pflegen, und sie handelten, wie man in der Silvesternacht etwa zu handeln pflegt, das heißt, sie gaben sich einem langsamen, aber desto vergnüglicheren und desto zielbewußteren Rausch hin. In einem der zahlreichen Bärenswiler Restaurants streiften sie Tobler, der am Tisch mit Freunden saß und merkwürdigerweise über Religion sprach. Joseph hörte, so gut er noch hören konnte, wie sein Chef ausrief, er erziehe seine Kinder gemäß den Prinzipien der Religion, er selber aber glaube an nichts, so etwas höre auf, wenn einer Mann werde. Den beiden Angestellten, dem gegenwärtigen und dem früheren, schenkte der Ingenieur infolge seiner heftigen Gesprächsanteilnahme keine Beachtung.

Um zwölf Uhr fingen die Glocken an zu tönen und zu erschallen, um den Beginn des neuen Jahres läutend und donnernd anzuzeigen. Am Hafenplatz spielte die Dorfmusik, begleitet und abgelöst von den Chören des Männergesangvereines. Viele Leute umstanden, die Gesichter von Fackeln beleuchtet, das nächtliche Konzert. Joseph bemerkte den Versicherungsagenten, der mit Tobler gut stand, aber auch den wütenden Handelsgärtner, den ärgsten Feind der technischen Unternehmungen, unter den Zuschauern und Zuhörern.

Die Wirte machten in dieser Nacht gute Geschäfte, bessere, als sonst in Wochen. Manch einer trank heute eine Flasche vom ganz Guten, der das ganze Jahr nur Bier getrunken hatte. Mancher gönnte sich etwas, das er sich sonst nicht wohl hätte erlauben dürfen; das ergab schöne, fette Rechnungen, und diese wurden gleich bar bezahlt.