Der Wirsich? Der sei längst abgegangen. Das sei ja eine pure Unmöglichkeit gewesen, den zu behalten. Der sei ja den halben und ganzen Tag betrunken gewesen.

Joseph entschuldigte sich und verließ den Laden. »Ist das möglich,« dachte er und ging langsamen Schrittes nach dem Postgebäude. Im Postfach lag eine Neujahrswunschkarte seiner Frau Weiß, auf welcher diese gute Frau ihm Glück und Gedeihen wünschte. Er lächelte, schloß das Fach zu und machte sich auf den Heimweg, indem er die Richtung der Landstraße einschlug. Das Wirtshaus zur »Rose« streifend, das an der Straße lag, erblickte er in demselben Wirsich, der an einem Tisch saß und den Kopf schrecklich verzweifelt in die hohle Hand stützte. Das Gesicht des unglücklichen Menschen war blaß wie der Tod, seine Kleider waren schmutzig, und sein Blick hatte alles Leben verloren.

Joseph trat näher und setzte sich zu seinem Vorgänger. Viel wurde zwischen den beiden nicht gesprochen. Das Bewußtsein des Unheils findet in der Regel keine Worte. Der Gehülfe trank ziemlich stark, gleichsam, um dem Kameraden um eine Seelenstufe und um ein Stück Verständnis näher zu rücken, indem er fühlte, daß hier der nüchterne Sinn und Verstand beinahe unpassend gewesen wäre. Die Zeit verging, indem er sich erzählen ließ, wie es gekommen war, daß der andere aus dem guten Lebensposten wieder verjagt werden mußte.

»Kommen Sie, Wirsich, wir wollen ein wenig spazieren gehen,« sagte dann Joseph. Sie bezahlten, der Festere nahm den Schwankenden und Trostlosen unter den Arm, es war schon Nachmittag geworden, und so gingen sie zusammen, erst ein Stück gradaus, dann bergauf, über die freundlichen Wiesen. Wie milde alles war. Wie man da hätte plaudern und scherzen können, wenn man in Begleitung eines Kindes, eines Mädchens oder einer schönen Dame gegangen wäre. Wie man sich, wenn es halb erlaubt gewesen wäre, hätte küssen können. Auf einer Bank in Bergeshöhe vielleicht. Oder wie man gesprochen hätte, etwa mit einem Bruder, oder wie es da hätte sein können, wenn Wirsich ein gesetzter, welterfahrener und gutmütiger älterer Herr gewesen wäre. Gelacht würde man haben, und ein ernstes, aber ruhiges Wort würde man schön vor sich hingesprochen haben. Wenn man aber Wirsich betrachtete, mußte man mit den Verhältnissen und Geschicken der Welt heimlich zürnen und grollen, denn Wirsich bot keinen schönen Anblick dar.

Joseph dachte an Toblers und das Herz schlug ihm leise. Wie kam er dazu, den ganzen halben Tag von Geschäft und Haus fern zu bleiben, ohne um Erlaubnis gebeten zu haben? Er machte sich unbehagliche Vorwürfe.

Und dazwischen war es ihm beinahe heilig zumut. Die ganze Landschaft schien ihm zu beten, so freundlich, mit all den leisen, gedämpften Erdfarben. Das Grün der Matten lächelte aus dem Schnee, dieser war von der Sonne zu weißen Flecken und Inseln zerteilt worden. Jetzt fing es an, Abend zu werden, und nun hätte er doch nicht wünschen mögen, er wäre besser nicht mit Wirsich spazieren gegangen.

Doch! Er hatte ganz gut daran getan, das fühlte er lebhaft. Dieser verunglückte Mensch durfte nicht gänzlich allein gelassen werden. Und jetzt paßte die Gestalt des Trinkers auf einmal wundervoll in die Gegend und in die Dämmerungen des Abends. Schon zündeten Menschen in Häusern Lichter an, schon sah man die Farben nicht mehr, nur noch die weicheren und breiteren Umrisse, und sie gingen heim, und sonderbar, sie schlugen beide den Weg nach Toblers Haus ein, ohne irgend welche Verabredung getroffen zu haben.

Tobler war nicht zu Hause. Die Frau saß im Wohnzimmer, in der Dunkelheit, ganz allein, die Lampe hatte sie noch nicht angezündet, und Pauline und die Kinder waren noch irgendwo draußen in der Umgebung. Sie erschrak über die unvermutete Ankunft zweier solcher abendlichen Gesellen, aber sie faßte sich rasch, machte Licht und frug Joseph, warum er denn heute nicht zum Essen erschienen sei, Tobler habe sich darüber aufgeregt, er sei böse, und sie fürchte, es werde nun wieder etwas Unangenehmes geben.

»Guten Abend, Wirsich,« sagte sie zu dem andern und reichte die Hand, »wie geht es Ihnen?«

»So! Es geht so,« machte der. Joseph ergriff das Wort: