Am nächsten Tag schickte er die zu Weihnachten geschenkt bekommene Kiste Zigarren per Post seinem Vater, folgendes Schreiben der Sendung beifügend:

Lieber Vater, hier mache ich Dir ein kleines Neujahrsgeschenk. Die Zigarren sind mir von meinem gegenwärtigen Herrn zu Weihnachten gegeben worden. Du wirst sie gewiß gern rauchen, es sind gute, zwei davon habe ich probiert, wie Du siehst, denn zwei fehlen. Wenn ich mit meinen heutigen sprunghaften Gedanken diese zwei fehlenden Stücke mit zwei Fehlern vergleiche, die meinen Eigenschaften anhaften, so kommt mir so recht zum Bewußtsein, erstens, daß ich Dir niemals schreibe, zweitens, daß ich arm bin, derart, daß ich Dir nie Geld schicken kann, zwei Mängel, die ich beweinen würde, wenn ich mir das erlauben dürfte. Wie geht es Dir? Ich bin überzeugt, daß ich ein schlechter Sohn bin, aber ich bin ebenso vollkommen von der Gewißheit durchdrungen, daß ich ein guter Kerl von Sohn wäre, wenn es einen Sinn hätte, Briefe zu schreiben ohne erfreulichen Inhalt. Das Leben, mit dem man ehrlich glaubt kämpfen zu sollen, gestattete mir bis jetzt nicht, Dir zu gefallen. Adieu lieber Papa. Bleibe gesund und lasse Dir das Essen immer wohlschmecken und fange das neue Jahr gut an. Ich will's auch versuchen.

Dein Sohn Joseph.

»Er ist ein Greis und geht immer noch den Geschäften nach,« dachte er.


Die mündlichen Verhandlungen Toblers mit seinem Rechtsbeistand bewirkten, daß derselbe der Mutter Tobler einen in energischen Tönen gehaltenen Brief schrieb, den aber die festbewußte alte Dame dahin beantwortete, daß der Rest der Sohnesansprüche bei weitem erschöpft sei, ja, daß sie selber, eine nunmehr hochbejahrte Frau, sehen müsse, wie sie sich in ihren alten Tagen durchschlage, und daß von weiteren Auszahlungen an Karl Tobler die Rede überhaupt nicht mehr sein könne. Derselbe Mann, fast möchte sie sagen, leider ihr Sohn, habe nichts anderes zu tun, als die notwendigen Folgen seiner Unvorsichtigkeiten und Unüberlegtheiten zu tragen. In der Art der Geschäfte, in die er sein Vermögen geworfen habe, könne sie nichts Gewinn- und Existenzversprechendes begründet erblicken. Das Haus zum Abendstern solle nur aufgegeben werden, es sei allerhöchste Zeit, daß Tobler sich wieder in bescheidenere Lebensverhältnisse fügen lerne, die ihn zwängen, ehrlich, wie es andere Menschen ebenfalls tun müssen, zu arbeiten. Für ihn sei es das Beste, wenn man ihn in der selbsteingebrockten Suppe belasse, damit er aus den Verlegenheiten, in die er sich gestürzt sehe, eine Lehre ziehe. Von ihr, der Mutter, sei nichts mehr zu erwarten.

Tobler, dem der Advokat eine Abschrift des mütterlichen Bescheides übermittelte, wurde rasend, als er dieselbe durchgelesen hatte. Er gebärdete sich wie ein wildes Tier, stieß unnatürliche Schimpfworte gegen seine Mutter aus, in der direkten Anrede, als wenn sie zugegen gewesen wäre, und brach dann, wie schon einmal, erschöpft zusammen.

Dies geschah am letzten Tage des Jahres, im technischen Bureau, das nun so oft schon der Schauplatz ungehöriger und unbeherrschter Szenen hatte sein müssen. Auch Joseph hatte alles Würdelose und Fassungslose wieder mit angesehen und angehört. In diesem Moment wäre er am liebsten gleich auf und davon gegangen, aber »wozu es herbeiziehen,« dachte er, »es kommt schon von selber.« Er bemitleidete Tobler, er verachtete ihn, und er fürchtete sich zugleich vor ihm. Das waren drei sehr häßliche Empfindungen, eine wie die andere natürlich, aber auch ungerecht. Was veranlaßte ihn, nun noch länger der Angestellte dieses Mannes zu bleiben? Der Gehalt-Rückstand? Ja, das auch. Aber es war noch etwas ganz anderes, etwas Wichtigeres: er liebte aus dem Grund seines Herzens diesen Menschen. Die reine Farbe dieser einen Empfindung machte die Flecken der drei andern vergessen. Und wegen dieser einen Empfindung waren auch die drei andern immer, beinahe von Anfang an, dagewesen, und um so lebhafter. Denn was einer gern hatte, an was einer sich gebunden und geschlossen fühlte, das machte ihm eben zu schaffen, mit dem stritt er sich, an dem paßte ihm vieles nicht, das haßte er gelegentlich, weil er sich mächtig von ihm immer angezogen gefühlt hatte.

Das Wetter war an diesem letzten Jahres-Tag mit einmal wunderbar mild geworden. Die winterliche Natur schien gleichsam zu schmelzen und stille Freudentränen zu weinen, denn was Eis und Schnee sein mochte, das lief als munteres, warmes Wasser die Hänge und Hügel hinunter, dem Seewasser zu. Es rauschte und dampfte, als wenn sich ein Frühlingstag mitten in den Winter hinein verloren hätte. Eine solche Sonne! Der reine Maitag. Die beiderlei Sorten Gefühle, die schönen und die schmerzlichen, die sich heute besonders lebhaft in der Brust des Gehülfen bewegten, reizte das herrliche Wetter noch mehr hervor, beruhigte und beunruhigte sie zugleich, so daß es ihm, als er zur Post lief, war, als laufe er nun da zum letzten Mal den schönen Weg entlang, unter diesen bekannten, guten Bäumen, an all den Dingen und Gesichtern vorbei, die Winters und Sommers immer gleich angenehm anzuschauen gewesen waren.

Er trat bei Bachmann & Co. ein und fragte nach Wirsich, den er schon an die zehn Tage nicht mehr gesehen hatte, und mit dem er sich für den Silvesterabend zu einer gemütlichen Zusammenkunft zu verabreden gedachte.